Prosit, „Wie würden Sie entscheiden?“!

    Vor 40 Jahren wurde zum ersten Mal die goldene Justitia befragt – von Ralf Döbele

    Ralf Döbele
    Ralf Döbele – 11.02.2014, 10:00 Uhr

    Die Gesichter der Sendung in den 1990er Jahren: Bernhard Töpper (l.) und Herbert Feuerstein (r.).

    Als Gerd Jauch 1990 die Moderation der Sendung an seinen Nachfolger Bernhard Töpper abgab, der bereits seit 1984 die ZDF-Redaktion Recht und Justiz geleitet hatte, erfolgte die kaum vermeidbare Modernisierung des Studios. Zunächst wurde die abstrakte Struktur der Einrichtung beibehalten und das zwischenzeitlich altbackene Beige des Hintergrunds wich einem leuchtenden Blau. Doch leider verschwanden mit der Renovierung auch mehrere liebgewonnene Charakteristika, was den Kultfaktor deutlich reduzierte. Während das Wegfallen der Leinwand und des Filmprojektors sicher zu verkraften war, wurde auch das Abstimmungs-System der Justitia in der bisherigen Form entfernt. Fortan rollten keine Kugeln mehr, stattdessen wurde das Ergebnis nüchtern und kalt per Digitalanzeige präsentiert. Später wurde daraus eine recht langweilige Grafik mit zwei sich füllenden Paragraphen-Symbolen. Dem eigentlichen Höhepunkt der Sendung wurde so massiv die Spannung entzogen, was den einen oder anderen Stammzuseher enttäuscht zurückgelassen haben dürfte.

    Mitte der 1990er Jahre erfolgte dann ein erneuter Umbau der Sendung, wobei das Aussehen des Studios nun dem eines großen, sehr kühl wirkenden Gerichtssaals entsprach. Diese Größe und vor allem der „Sicherheitsabstand“ der so zwischen beiden sich gegenüberstehenden Parteien erzeugt wurde, geriet der Atmosphäre der Sendung nicht zum Vorteil. Fortan wurde jede Episode außerdem von Szenen eingerahmt, die im Foyer des Münchner Landgerichts gefilmt wurden. Darin unterhielt sich Bernhard Töpper mit Herbert Feuerstein, der hier einen Justizbeamten mimte und die Fälle lakonisch kommentierte. Diese Dialoge hielten aber meistens kaum wertvolle Erkenntnisse oder Gedankengänge bereit, die nicht ohnehin bereits vom Studiopublikum hervorgebracht worden waren.

    So kam es wohl, wie es kommen musste. Im Zuge der Programmreform des ZDF im Jahr 2000 geriet auch „Wie würden Sie entscheiden?“ unter die Räder und wurde eingestelt. Dem Klassiker erging es dabei nicht besser als „Ehen vor Gericht“, dem „Verkehrsgericht“, „Vorsicht, Falle!“ oder der „ZDF-Hitparade“, die nach Jahrzehnten im Programm allesamt verschwanden. Fortan wurden im ZDF Justizfragen im Nachmittagsprogramm verhandelt, wo „Streit um Drei“ zum Vorreiter einer ganzen Welle von Gerichtsshows wurde, die mehrere Jahre lang vor allem das Programm der Privatsender bevölkern sollten. Bernhard Töpper war dagegen noch jahrelang als Rechtsexperte in verschiedenen ZDF-Sendungen zu sehen. Mit „Wie würden Sie entscheiden?“ ist der ZDF-Redaktion Recht und Justiz aber ihr bekanntestes und in der besten Zeit auch kultigstes Aushängeschild wohl für immer verloren gegangen.

    Bild: ZDFneo/​Screenshot

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    Über den Autor

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von „Der Denver-Clan“, „Star Trek“ und „Aktenzeichen XY…ungelöst“. Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie „Friday Night Lights“ oder „The West Wing“ genauso wie die Prime Time Soaps „Melrose Place“ und „Falcon Crest“, die Comedys „I Love Lucy“ und „M*A*S*H“ oder das „Law & Order“-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie „Derrick“ oder „Bella Block“ finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY…ungelöst

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