Prosit, „Wie würden Sie entscheiden?“!

    Vor 40 Jahren wurde zum ersten Mal die goldene Justitia befragt – von Ralf Döbele

    Ralf Döbele
    Ralf Döbele – 11.02.2014, 10:00 Uhr

    Während der Abstimmung des Studiopublikums fallen die Kugeln in die Waagschalen der Justitia.

    Im Anschluss an den Film wurden die Zuhörer im Publikum zu ihrer persönlichen Einschätzung der Rechtslage und des zu erwartenden Urteils befragt. Besonderes Merkmal waren hier die zwei langen Teleskopstangen, an denen die Mikros angebracht waren. Diesen wurden den Befragten stets von zwei attraktiven Assistentinnen über die Köpfe anderer Zuschauer hinweg unter die Nase geangelt. Als Nächstes folgte ein Auszug aus dem Verfahren, wie es sich real zugetragen hatte. Die Richter, Schöffen, Anwälte und Staatsanwälte waren dabei real, die Beschuldigten oder Kläger wurden von den gleichen Schauspielern wie im gezeigten Film verkörpert. Nach den Plädoyers beider Seiten war es an der Zeit für das Studiopublikum, auf die im Verfahren konkret gestellte Frage hin abzustimmen. Im Fall der Episode „Genossin S. will in den Schuldienst“ vom Juni 1977 lautete diese Frage beispielsweise: „Darf Fräulein Sievers als Lehrerin eingestellt werden – Ja oder Nein?“ Beantwortet wurde die Frage von jedem Zuschauer per Knopfdruck mit jenen Fernsteuerungen, die vor den Sitzplätzen angebracht waren.

    So kam dann auch der sicherlich markanteste Einrichtungsgegenstand des ansonsten spartanischen Studios ins Spiel: die goldene Justitia, in deren Waagschalen nun die goldenen Kugeln der Abstimmung rollten – eine Kugel pro Zuschauer, versteht sich. Die Abstimmung an sich war dank dieser Darstellung das klare Herzstück der Sendung. Aufgrund der recht langsamen Technik nahm die auch ein ganzes Stück Zeit in Anspruch, was die Spannung natürlich erhöhte. Nach dem Ende der Abstimmung verkündete das Gericht sein eigenes Urteil, das oft nicht dem des Studiopublikums entsprach, auch nicht in der dargelegten Argumentation. So bestand natürlich noch abschließender Klärungsbedarf, so dass Gerd Jauch die Rechtslage am Ende der Sendung ausführlich mit einem Experten diskutierte.

    Insgesamt war „Wie würden Sie entscheiden?“ in den ersten 16 Jahren optisch von der damals typischen ZDF-Studioästhetik geprägt, die keinesfalls der eines Gerichtssaals entsprach: braune Tische, beige Schrifttafeln mit der typisch abgerundeten ZDF-Schrift, die bis Mitte der 1990er Jahre in praktisch allen Sendungen Verwendung fand, silberne Gitter vor schwarzem Hintergrund, aus dem in den 1980er Jahren ein braun-beiger Hintergrund wurde. Bei wem dies Assoziationen mit „Aktenzeichen XY“ oder „Erkennen Sie die Melodie?“ auslöst, dürfte kaum überrascht sein festzustellen, dass auch „Wie würden Sie entscheiden?“ im Fernsehstudio München Unterföhrung (FSM) produziert wurde.

    Bild: ZDF/​Sony Music/​Screenshot

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