Maus-Vater Armin Maiwald: „Es gab jede Menge Vorwürfe von Lehrern und Pädagogen“

    Interview zum 50. Geburtstag der „Sendung mit der Maus“

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 05.03.2021, 10:00 Uhr

    Die Maus und einer ihrer Väter: Armin Maiwald WDR/​Herby Sachs

    fernsehserien.de: Wie sind Sie dann letztendlich bei der „Sendung mit der Maus“ gelandet?

    Armin Maiwald: Ich bin ja zum damaligen Nachmittagsprogramm des WDR gekommen und habe als Regieassistent bei Puppengeschichten wie „Kasper und René“ gearbeitet. Dadurch hatte ich von Anfang an einen ziemlich guten Draht zu Gert K. Müntefering und Siegfried Mohrhof. Zu dritt haben wir monatelang nach Feierabend darüber diskutiert, wie Programm für Kinder außerhalb des Studios aussehen könnte. Gert Müntefering wollte raus aus dem Studio und den Kindern die Welt zeigen, in der wir leben. Wir wussten aber lange nicht, wie wir das angehen könnten und wie es aussehen sollte. Wir sind wie die Bekloppten ins Kino gerannt und haben uns die Dokumentationen angeschaut, die damals vor dem Hauptfilm liefen. Wir wollten aber keinen klassischen Dokumentarfilm machen und sind irgendwann dazu gekommen, dass jeder Film nur ein kleiner Mosaikstein der Wirklichkeit sein konnte und wir darin nicht die ganze Welt darin erklären können. Die nächste Frage war: Mit welchen Themen befassen wir uns? Viele Kinder wohnten ja schon damals in der Stadt und hatten wenig Berührungspunkte damit, wo ihre Nahrungsmittel eigentlich herkommen. So haben wir schließlich beim Frühstückstisch angefangen, beim Brötchen, bei der Milch und beim Ei, weil wir annahmen, dass jedes Kind diese Dinge kennt und schon mal gesehen hat. Wir haben gezeigt, welchen Weg diese drei Dinge schon hinter sich hatten, bevor sie auf dem Frühstückstisch landeten. Wir waren selbst überrascht davon, wie viele Stationen das waren. Das war unser erster Versuchsballon. Jeder Film sollte nur so lang sein wie ein Musikstück – und zwar nicht das Orffsche Schulwerk, sondern populäre Musik. Die Filme sollten völlig ohne gesprochene Worte sein, ohne jeden Kommentar. Allein dadurch wollten wir uns vom klassischen Dokumentarfilm absetzen. Wir wollten die Geschichte in deutlichen, gut fotografierten Bildern erzählen. Wir haben es flapsig „Werbespots aus der Wirklichkeit“ genannt.

    WDR/​Annika Fußwinkel

    Heute genießt „Die Sendung mit der Maus“ hohes Ansehen, insbesondere auch bei Eltern. Doch als es vor 50 Jahren losging, gab es massive Kritik, gerade von Pädagogen-Seite. Warum?

    Armin Maiwald: Richtig, es gab jede Menge Vorwürfe. Mit den ersten Filmen ist der Gert Müntefering in Kindergärten und zu Pädagogen gegangen – wo ihm das Material um die Ohren flog. Es sei nach Ansicht von Lehrern und Pädagogen alles viel zu schnell. Wir würden die Wirklichkeit mit einer rosaroten Soße aus Musik übergießen und nicht die ausgebeuteten Massen zeigen – und so weiter und so fort. Ich habe die ersten Filme noch immer oben im Regal liegen und wenn man sie aus heutiger Sicht anschaut, wirken sie total gemütlich geschnitten. Da könnte man zwischen jedem Schnitt ein halbes Fernsehspiel platzieren! Aber für die damalige Zeit waren sie wirklich ziemlich schnell und wir haben uns die Kritik auch zu Herzen genommen. In einem zweiten Versuch haben wir alles ganz langsam und ohne Musik erzählt: „Die Autobahn soll gebaut werden“ und „Der Maler kommt“ – das waren die langweiligsten Filme, die ich je gemacht habe! Wenn es eine Hölle für Regisseure gibt, in der man sich seine schlimmsten Filme in Dauerschleife ansehen muss, würde ich die wahrscheinlich vorgespielt bekommen (lacht)!

    Aber irgendwann haben Sie offenbar das richtige Format gefunden.

    Armin Maiwald: Ja, bei unserem dritten Versuch – das waren Filme über Löffel, Gabel, Stuhl, Schuh – haben wir endlich unsere Form gefunden, die dann zu unserem Markenzeichen werden sollte – nämlich, dass man während des Produktionsprozesses die Zwischenschritte als Einzelbild zeigt. Wenn es sich anbietet, machen wir das zum Teil auch heute noch nach diesem Rezept aus dem Jahr 1969. Wir in der Redaktion haben von Anfang an nicht nach pädagogischen oder wissenschaftlichen Gesichtspunkten arbeiten wollen, sondern nach gut recherchierten, journalistischen und dramaturgischen Gesichtspunkten. Siegfried Mohrhof sagte: Wer hier von Wissenschaft oder Kunst spricht, fliegt raus! Wir wollten kein Ersatz für die Schule sein, uns nicht auf ein Podest stellen und sagen: Ich weiß was! Wir haben uns begriffen als Reporter, die nach draußen gehen und die Zuschauer eingeladen, uns auf dieser Reise zu begleiten. Die Sendung war anfangs auch alles andere als erfolgreich. Zunächst liefen ja auch erst mal nur sechs Folgen, später lief die Sendung zwölf Mal, dann 24 Mal… Es dauerte mehrere Jahre, bis es das ARD-Modell gab und es zur wöchentlichen Ausstrahlung kam.

    Armin Maiwald (o. l.), Christoph Biemann (r.) und Maus-Zeichner Friedrich Streich (u. l.) WDR/​imago images/​Horst Galuschka

    Als es losging, lautete der Titel auch noch gar nicht „Die Sendung mit der Maus“, sondern „Lach- und Sachgeschichten für Fernsehanfänger“, richtig?

    Armin Maiwald: Da haben Sie Recht, wobei „Fernsehanfänger“ damals auch Erwachsene sein konnten, weil damals noch längst nicht jeder ein Fernsehgerät hatte. Selbst ich als Regisseur hatte lange Zeit keinen Fernseher zu Hause. Wenn ich mir irgendwas ansehen wollte, musste ich ins Funkhaus gehen. „Die Sendung mit der Maus“ hieß es erst später. Die Figur geht zurück auf ein Kinderbuch von Ursula Wölfel, in der zwölf verschiedene Geschichten standen. Eine davon war „Die Maus im Laden“ mit einfachen grafischen Zeichnungen, die abgefilmt wurden. Ein Schauspieler hat die Geschichte dazu erzählt. Aus der gezeichneten Maus von Isolde Schmitt-Menzel machte Friedrich Streich die animierte Maus und die Sendung wurde umbenannt, die dann erst berüchtigt und später berühmt wurde (lacht)!

    Und wie wurde entschieden, dass der Titel in „Die Sendung mit der Maus“ umbenannt wird?

    Armin Maiwald: Der Sendungstitel ist veritabel auf dem Flur entstanden, denn in den ersten Reaktionen, die wir damals per Post erhalten haben, schrieben die Kinder von der Sendung mit der Maus. Da war für Gert Müntefering klar: Wir nennen es einfach „Die Sendung mit der Maus“.

    Auf der nächsten Seite spricht Armin Maiwald über seine Arbeit an „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ und erläutert, was seiner Ansicht nach wichtige Voraussetzungen sind, um gutes Kinderfernsehen zu machen.

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