2026/2027

  • 30 Min.
    In der neuen Folge „Druckfrisch“ begegnet Literaturkritiker Denis Scheck der Kölner Autorin und Journalistin Seyda Kurt und spricht mit ihr über ihr Belletristikdebüt „Zeit der Monster“. Und er spricht mit Musiker und Schriftsteller Sven Regener, der einmal mehr ins Westberlin der 1980er-Jahre führt. Dazu empfiehlt er Literatur, die für den Deutschen Buchpreis nominiert ist: den Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar. Die Bestsellerliste Belletristik wird in gewohnt kritischer Weise durchleuchtet auf hopp oder top. Seyda Kurt: „Zeit der Monster“ Eine Zeit, die nicht die unsere ist, aber kaum sehr weit weg von ihr: es herrscht apokalyptische Atmosphäre im Stadtviertel, in dem ein Fitnessstudio und eine Kirche zu Treffpunkten werden, die Natur sich gegen die Bewohnerinnen und Bewohner richtet und Protagonistin Sanya eine Pistole im Rucksack herumträgt. Oszillierend zwischen Soap und Dichtung, zwischen Utopie und Revolution lässt der Roman mit seinen schillernden Figuren eintauchen in eine eventuelle Zukunft. Die Fragen, die Seyda Kurt immer wieder beschäftigen, hat sie bereits in ihren Sachbüchern „Radikale Zärtlichkeit“ und „Hass“ ausbuchstabiert: Wie können Menschen ein zugewandtes Miteinander leben, wie Strukturen und Rollen aufbrechen? In Köln-Kalk ist die Autorin aufgewachsen und dieser Ort scheint unverkennbar durch in ihrem Romansetting. Seyda Kurt ist Jahrgang 1992, arbeitet als Moderatorin und Journalistin und bleibt ihrem Kiez im Ruhrgebiet treu. Im „Druckfrisch“-Gespräch mit Denis Scheck erzählt sie vom Schreiben ohne Geländer, der Rolle des italienischen Schriftstellers Antonio Gramsci beim Schreiben des neuen Romans. Und wie es war, in die „Zeit der Monster“ zu reisen. Sven Regener: „Frankie und Freddie“ Wieder einmal zieht dieser Autor seine Linien von Bremen nach Berlin: Frankie und Freddie Lehmann, die beiden schon bekannten Brüder aus „Herr Lehmann“, hat es auch in seinem neuem Roman 1980 in die Inselstadt im Osten verschlagen. Der eine versucht, sich in Kreuzberg zu verankern, für den anderen soll Westberlin nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach New York sein. Aber wie kommt man aus einem Hotel am Ku’damm wieder weg, in dem man als Proband für Antidepressiva endlich mal Geld verdient? Herrlich skurril schreibt Sven Regener in seinem siebten Lehmann-Roman über Brüder und die Suche nach einem Halt, über das Westberlin der 1980er-Jahre, von Kneipen und irrwitzigen Überlebenshandlungen. Der Frontman der Band Element of Crime spricht mit Denis Scheck über seine Verwurzelung im Lehmann-Kosmos, über das gar nicht so leichte Thema Depression und über das ebenso gewichtige Thema Brüder. -Die Empfehlung von Denis Scheck: „Die Lücken“ von Shida Bazyar Erzählt wird dieser Roman von einer Toten. Und wovon lässt Shida Bazyar ihre gespenstische Ich-Erzählerin auf 500 Seiten erzählen? Von der Geschichte eines Dorfes namens Heimesbach im Hunsrück, das im 20. Jahrhundert zur Kleinstadt heranwächst. An die Seite dieser toten Ich-Erzählerin treten aber bald andere Bewohner von Heimesbach, denn Bayzar erzählt ihren Roman chorisch (so wie Juli Zeh oder Robert Seethaler). Während der Nazizeit wird Heimesbach zum „Gau-Musterdorf“, die Einwohner erklären sich nach dem Pogrom der sogenannten Reichskristallnacht 1938 für „judenfrei“, die Außenstelle eines KZs liegt nur sieben Kilometer entfernt, aber davon will man „im Land der Erinnerungsweltmeister“ in der frühen Bundesrepublik nichts mehr wissen. Satirischer Höhepunkt des Romans ist ein Interview, das ein junger Kunststudent mit seinem Großvater über dessen Erfahrungen in der Nazizeit führt. Ein unter die Haut gehendes deutsches Kabinettstück über Verdrängung, Verleugnung und Geschichtsklitterung. Shida Bazyar erzählt von fünf Familien, zwei davon kommen aus dem Iran als Migranten nach Heimesbach, ihre Erfahrungen kontrastiert „Die Lücken“ reizvoll mit den Ausgrenzungen, denen die jüdische Bevölkerung in Heimesbach ausgesetzt ist. Bazyar erzählt die Geschichte von Heimesbach als „Ein Geben und Nehmen, ein Erben und Vererben. Und ein Rauben. Denn von den 42 Jüdinnen und Juden, die 1933 im Ort lebten, beraubte man alle, ganz gleich, ob sie Läden führten oder im Viehhandel tätig waren. Ob sie fliehen mussten, überleben konnten oder ermordet wurden.“ Die kunstvolle Vernetzung der 45 Kapitel, u. a. aus Perspektive einzelner Bewohner Heimesbachs erzählt, die ungeheure Wucht, mit der Shida Bazyar ein ganzes Dorf und seine Geschichte glaubhaft aus dem Erdboden stampft und dabei zentrale Fragen nach Erinnerung und Verdrängung stellt, nach den Wurzeln des Bösen und nach der Bedingung für Versöhnung, machen diesen Roman in Schecks Augen zum Ereignis. Gut möglich, dass „Die Lücken“ für Ärger sorgen wird – nicht nur im Hunsrück. Recht so! Das haben Thomas Manns „Buddenbrooks“ und „Die Blechtrommel“ von Günter Grass auch getan. Außerdem wie immer: Denis Schecks pointierte Revue der „Spiegel“-Bestsellerliste: diesmal Belletristik. (Text: ARD)
    Deutsche TV-Premiere So. 23.08.2026 Das Erste
  • 30 Min.
    Dörte Hanse – „Broder“ (Penguin): Ein großer Landwirtschaftsroman, ein Brüder-Drama, eine Milieustudie norddeutscher Befindlichkeit: All das ist das neue Buch von Dörte Hansen. Broder hat Pech gehabt. Als jüngerer Zwilling ist er ein paar Minuten zu spät auf die Welt gekommen, um den großen Milchviehbetrieb seiner Eltern an der norddeutschen Küste zu erben. Höfe werden nach alter Tradition an den ältesten Sohn weitergegeben. Und so führt Henning den Bauernhof der Familie fort. Broder – dessen Name nicht zufällig auf Plattdeutsch nur „Bruder“ bedeutet – geht leer aus. „Ertrag kommt von Ertragen“, sagt eine Weisheit der Familie, dessen konventioneller Betrieb zu kämpfen hat mit EU-Düngeverordnungen, Haltungsauflagen und dem wachsenden Druck der Bio-Bewegung. Autorin Hansen taucht tief ein in norddeutsche Land-Befindlichkeit und entwirft ein fulminantes Panorama kriselnder Landwirtschaft, aber auch eine moderne Kain und Abel-Geschichte, die nur tragisch enden kann. Dora Kaprálová – „Die Mariborhypnose“ (mikrotext): Die Autorin Dora Kaprálová erkundet die Welt aus der Perspektive einer Stubenfliege. Ihr Roman hat 2026 den Europäischen Literaturpreis erhalten. Einen literarischen Baedeker soll sie schreiben, so der Auftrag ihres Verlags. Doch als die Erzählerin den unterkühlten Flix-Bus nach Maribor besteigt, gerät sie wie in eine Zeitschleuse. Der Beginn ihrer „Mariborhypnose“. Die Eindrücke, die in der slowenischen Stadt auf sie einprasseln, verschwimmen: die Klänge des Heavy Metal Festivals, der Puppenspieler an der Straßenecke, die alten Weinreben, das Schwimmbad an der Drau. Wie eine Stubenfliege mit ihren Facettenaugen saugt sie die Eindrücke gleichzeitig ein. Kunstvoll verwebt die tschechische Schriftstellerin Dora Kaprálová diese moderne Städtereise mit der Legende über den Illusionisten und Hypnotiseur Leo Svengali, die sich die Bewohner von Maribor bis heute erzählen. Es ist, als würde er die Stadt noch immer in Trance versetzen. Denis Scheck empfiehlt „Das Buch der Vögel“ (Ullstein): Ornithologen sind seltsame Vögel, und doch erfreut sich das neudeutsch „Bird Watching“ großer Beliebtheit – und das aus guten Gründen. Nirgendwo lässt sich Artensterben und Klimawandel genauer verfolgen. Wir werden Zeuge eines ungeheuren Verlusts: „In Nordamerika gibt es drei Milliarden Vögel weniger als vor einem halben Jahrhundert. In Europa fünfhundert Millionen weniger. Weltweit sind mehr als die Hälfte aller Vogelarten bedroht.“ Mit diesen Sätzen beginnt „Das Buch der Vögel“ des englischen Dichters Robert Macfarlane und der Illustratorin Jackie Morris. Es dokumentiert einerseits diesen Verlust – alle der 49 darin porträtierten Vögel befinden sich auf der roten oder bernsteinfarbenen Liste der bedrohten Arten. Aber vor allem ist dieses genial illustrierte und von Daniela Seel ins Deutsche übersetzte Buch eine Augenweide und eine sprachmächtige Feier der Schöpfung. Außerdem in Druckfrisch: Denis Schecks erfrischend pointierte Revue der Spiegel-Bestsellerliste, diesmal Sachbuch. (Text: ARD)
    Deutsche TV-Premiere So. 13.09.2026 Das Erste
  • 30 Min.
    Andrea Wulf · „Der Reisende“ (C. Bertelsmann) Nach ihrem Besteller über Alexander von Humboldt widmet sich Andrea Wulf in ihrem neuen Buch dem Naturforscher und Revolutionär Georg Foster. Ein wunderbares Buch über einen Weltreisenden, der die Welt verbessern wollte. Er wurde nur 39 Jahre alt, aber er hatte ein so spannendes und reichhaltiges Leben wie nur wenige seiner Zeitgenossen: Georg Foster (1754⁠–⁠1794). Früh verbrachte er einige Zeit in St. Petersburg und in London, nahm später an der zweiten Weltumseglung James Cooks teil. Als Akademiker lehrte Foster an Universitäten, als Revolutionär gehörte er zum Mainzer Jakobinerclub und starb im revolutionären Frankreich. Andrea Wulf hat nun ein wunderbares Buch über Foster geschrieben, dem Ethnologen, Reiseschriftsteller und Revolutionär, der die Welt nicht nur erforschen, sondern auch verbessern wollte. So kämpfte er gegen Imperialismus, Rassismus und Sklaverei. Wie schon in ihrem Bestseller über Alexander von Humboldt verbindet Wulf eine Biografie mit der Beschreibung der großen politischen und naturkundlichen Umbrüchen seiner Zeit. Auch ihr neues Buch „Der Reisende“ ist wissenschaftlich fundiert und liest sich gleichzeitig wie ein spannender Roman. Lutz Seiler · „Das tickende Herz“ (Suhrkamp) Der Autor Lutz Seiler schreibt die Geschichte seiner Hauptfigur Carl Bischoff aus „Stern 111“ weiter. Ein virtuoser und phantastischer Roman, der den Helden von Berlin bis nach Kasachstan führt – und in die Abgründe seiner Erinnerungen. Es könnte doch so schön und so einfach sein: Carl Bischoff, bereits Hauptfigur in Seilers hochgelobten Roman „Stern 111“, kommt Anfang des neuen Jahrtausends nach Berlin zurück, um dort mit seiner Frau in der gemeinsamen Traumwohnung zu leben. Doch das gemeinsame Glück im Prenzlauer Berg hält nur wenige Monate, Dichter Carl muss sich vorerst als Maurer durchschlagen, begibt sich bald wieder auf Reisen. Er verliebt sich in die Tochter eines Schamanen, trifft sie auf einer Lesereise wieder und folgt ihr über Amsterdam, Rotterdam, Cambridge und weitere Stationen bis nach Kasachstan. Dort will ihr Vater mit seiner Gemeinschaft die Erde heilen, die im September 2001 brutal aus ihrem Gleichgewicht gebracht wird. Und ausgerechnet Carl soll dabei eine besondere Rolle spielen. Schriftsteller Lutz Seiler, der als Lyriker begann und 2014 für seinen ersten Roman „Kruso“ den Deutschen Buchpreis bekam, hat einen virtuosen, vielschichtigen Roman geschrieben, philosophisch und phantastisch zugleich. Der Büchner-Preisträger verbindet die persönlichen Erinnerungen seiner Hauptfigur Carl Bischoff kunstvoll mit den Umbrüchen am Anfang des 21. Jahrhunderts. Denis Scheck empfiehlt eine Biografie über Wolfram Siebeck (ZS Verlag) Ein Buch über den Kritikerpapst der Küche und die kulinarische Befreiung der Bundesrepublik Wolfram Siebeck (1928⁠–⁠2016), war einer jener Menschen, die die Bundesrepublik Deutschland kultivierter, liebens- und lebenswerter gemacht haben. In der „Zeit“ und im „Feinschmecker“ setzte er sich mit der Esskultur in diesem Land auseinander. Dabei hatte der Gastrokritiker nicht nur eine feine, sondern auch eine spitze Zunge. „Ob es sich um muslimische Einwanderer, Schwule oder gefüllten Saumagen handelt, der deutsche Bürger weiß, wovor er sich fürchtet!“ schrieb er einmal. Jetzt ist von Christoph Wirtz, dem früheren Chefredakteur des Restaurant- und Gastroführers Gault Millau, eine Biografie über Siebeck erschienen mit dem Untertitel „Ein sattes Leben“. Sein hochgelobtes Buch erzählt nicht nur von Leben und Werk des Kritikers, es zeichnet auch den langen Weg vom kulinarisch minderbemittelten Deutschland der 1960er Jahre bis zur heutigen Bundesrepublik mit einer international angesehenen Spitzenküche nach. (Text: ARD)
    Deutsche TV-Premiere So. 18.10.2026 Das Erste
  • 30 Min.
    Deutsche TV-Premiere So. 22.11.2026 Das Erste

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