Wegen Regierungskritik an homosexueller Figur: Netflix cancelt türkische Serie

    „If Only“ wird nicht produziert

    Glenn Riedmeier – 22.07.2020, 12:10 Uhr

    Netflix gibt weltweit eigenproduzierte Serien in Auftrag. Auch in der Türkei sollten in diesem Jahr drei Serien für den Streamingdienst hergestellt werden, darunter „If Only“. Doch dazu kommt es nun nicht mehr: Netflix hat die Produktion nach einem Streit mit der türkischen Regierung abgebrochen. Hintergrund ist die Darstellung eines homosexuellen Charakters in der Serie. Die Regierungspartei AKP um Recep Tayyip Erdogan hat dagegen gewettert – und Netflix hat nachgegeben und die Produktion kurz vor dem Start der Dreharbeiten gestoppt.

    Die Financial Times berichtet unter Berufung auf die türkische Autorin Ece Yörenç, die das Drehbuch zu „If Only“ geschrieben hat, dass Netflix sich entschieden hat, die Produktion komplett zu stoppen, anstatt den Forderungen der türkischen Regierung nachzukommen. Wegen eines homosexuellen Charakters wurde der Serie keine Genehmigung erteilt und das ist sehr beängstigend für die Zukunft, so Yörenç gegenüber dem Online-Filmmagazin Altyazi Fasikul. Dabei war in der Serie nicht mal die Darstellung erotischer Szenen geplant, doch schon allein das Beinhalten eines homosexuellen Charakters war für die Regierung nicht akzeptabel.

    Bei „If Only“ hätte es sich um ein Zeitreise-Drama gehandelt, in dem eine Frau die einmalige Chance erhält, aus ihrem Leben in einer unglücklichen Ehe auszubrechen. Plötzlich findet sie sich in der Vergangenheit wieder und kann erneut auf den Heiratsantrag ihres Mannes reagieren.

    Die LGBTQ+-Community hat in der Türkei einen sehr schweren Stand. So wurden Demonstrationen für Gleichberechtigung und Anerkennung zuletzt untersagt und die Regierung äußerte sich wiederholt homophob. Ein Sprecher der AKP reagierte auf die Kritik an dem Vorgehen gegen die Netflix-Serie: Müssen wir uns alle bei Netflix entschuldigen? Müssen wir alles absegnen, was sie machen? Gibt es kein Thema, bei dem wir Bedenken haben dürfen?

    Es ist nicht das erste Mal, dass Netflix einknickt und den Aufforderungen zur Entfernung bestimmter Inhalte nachkommt. Nach Informationen der Financial Times habe Netflix bislang neunmal Inhalte gelöscht: fünfmal in Singapur („Kochen mit Cannabis“, „The Legend of 420“, „Disjointed“, „Die letzte Versuchung Christi“ und „The Last Hangover“), sowie je einmal in Saudi-Arabien (eine Folge von „Patriot Act with Hasan Minhaj“), Vietnam („Full Metal Jacket“), Neuseeland („The Bridge“) – und Deutschland („Die Rückkehr der Untoten“).

    Zuletzt kursierten Berichte, dass Netflix auf Druck aus der Türkei auch einen homosexuellen Charakter aus der Serie „Love 101“ entfernt habe. Der Streamingdienst dementierte und sagte, dass eine entsprechende Figur nie geplant war. Auch den Gerüchten, dass sich Netflix infolge des Streits um die nun gecancelte Serie „If Only“ aus der Türkei zurückziehen wolle, widersprach der Streamingdienst. Mit der türkischen Fantasyserie „The Protector“ landete Netflix schließlich einen großen internationalen Erfolg, wodurch die Türkei für Netflix ein attraktiver Markt geworden ist.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      In 100 Jahren wird man über diese Borniertheit lachen können...
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