„Nine to Five – Das Amt“ verwertet lustige Ideen von „Conny from the Block“ – Review

Mit Improvisation und starken Darstellern wiehert Amtsschimmel für ZDFneo

Stefan Genrich
Rezension von Stefan Genrich – 02.10.2026, 12:00 Uhr

In „Nine to Five – Das Amt“ soll Ronja Keller (Friederike Kempter, l.) ihre Leute anführen – das meinen jedenfalls (v. r.) Orkan (Yasin El Harrouk), Melissa (Anna Herrmann), Conny (Lisa Hrdina), Doris (Kathrin Angerer) und Gisela (Petra Hartung). – Bild: ZDF / Sofia Velasquez
In „Nine to Five – Das Amt“ soll Ronja Keller (Friederike Kempter, l.) ihre Leute anführen – das meinen jedenfalls (v. r.) Orkan (Yasin El Harrouk), Melissa (Anna Herrmann), Conny (Lisa Hrdina), Doris (Kathrin Angerer) und Gisela (Petra Hartung).

Tülin Sezgin hat ihren sicheren Job als Beamtin aufgegeben, um Erfolge mit Comedy zu feiern. So begeistert sie zahllose Fans in Social Media – als Darstellerin und kreativer Kopf von Conny from the Block. Jetzt wandern ihre lustigen Eindrücke in die achtteilige Fernsehserie „Nine to Five – Das Amt“. Auf Instagram und TikTok spielt Conny from the Block sämtliche Personen und parodiert diese schrägen Typen. In den kurzen Clips genügt jeweils ein einziges Thema. Dabei zieht Tülin Sezgin etwa die Gesichter von Doris, Melissa und Orkan durch technische Filter. Im Fernsehen hingegen ersetzen 25-minütige Geschichten mit Tiefgang die bisherigen Mini-Videos. Neue Figuren bereichern diese Welt aus Akten, Kaffeepausen und Terminen.

Ideenlieferantin Tülin Sezgin hat eine eigene Rolle ergattert: Als Kantinenwirtin Hanni gibt sie überall ihren Senf hinzu. Conny Beckmann (Lisa Hrdina) hat mehr zu tun als ihr Gegenstück aus dem Web, wo Conny from the Block über das Geschehen plaudert. Erstmals schlüpfen unterschiedliche Schauspielerinnen und Schauspieler in die Haut von Mitarbeitern und Antragstellern. In einem erfundenen Bürgeramt von Berlin übernimmt Ronja Keller (Friederike Kempter) die Aufgabe, ihr Team auf Vordermann zu bringen. Amtsleiter Georg Schulenberg (Jan Henrik Stahlberg) pfuscht seiner Untergebenen immer wieder ins Handwerk. Auch Ronja Keller setzt auf gemeine Tricks, um ihre Leute zu trainieren und gleichzeitig zu umschmeicheln.

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Das TV-Publikum erlebt den behördlichen Alltag im Stil einer sogenannten Mockumentary – einer vermeintlichen Dokumentation, wie man sie hierzulande aus „Stromberg“ kennt. Eine weitere Besonderheit: Das Ensemble verzichtet meistens auf fertige Dialoge und improvisiert vor laufender Kamera. Auf diese Weise überraschen beispielsweise Petra Hartung als dienstbeflissene Personalrätin Gisela Horn und Yasin El Harrouk als charmanter Schaumschläger Orkan Günes. Ab dem 2. Oktober lässt sich im ZDF-Streamingportal überprüfen, ob dieses Experiment gelingt. Zudem zeigt ZDFneo ab dem 27. Oktober je zwei Folgen dienstagabends.

Wolle (Florian Renner) liest Gisela (Petra Hartung) den Brief eines Bürgers vor – was diese Leute alles so vom Amt erwarten … ZDF /​ Sofia Velasquez

Bürokraten sind gar nicht so öde und langweilig

In „Tag 1“ fehlt der Belegschaft der Antrieb. Conny klickt dauernd mit dem Kugelschreiber. Die schwer zu beeindruckende Sachbearbeiterin Dilara (Roxana Samadi) hängt von ihrem Wochenende ermattet über dem Schreibtisch. Die ehemalige DDR-Sportlerin Gisela schluckt entschlossen den Rest aus ihrem Wasserglas. Der bauernschlaue Fußball-Fan Orkan staunt hingegen über den weiblichen Vornamen Barbara, den ein älterer Herr zur Einleitung eines offiziellen Vorgangs angibt. Conny erklärt wiederum den Zuschauern der angeblichen Dokumentation, dass wir gar nicht so öde und langweilig sind, wie alle glauben.

Ferner äußert die Musterschülerin ihre Hoffnung auf eine Beförderung zur Abteilungsleiterin. Aber eine Etage höher setzt Georg Schulenberg gerade Ronja Keller auf diesen Posten. Bei dieser Gelegenheit jubelt er seinem Zugang aus der freien Wirtschaft eine interne Maßnahme zur Kostensenkung unter. Beamte und Angestellte dieser Behörde fürchten solch eine Abordnung zur Zwangsversetzung. Allerdings Katja, das ist meine Schwägerin, die bitte nicht abordnen, verlangt der Heuchler Georg Schulenberg.

Anschließend präsentiert der Vorspann die städtischen Bediensteten – angefangen von Ronja über den ewigen Bedenkenträger Jan (Fridolin Sandmeyer) bis hin zum genervten Küchenhelfer Roland (David Ali Rashed). Beim ersten Kontakt betraut Ronja Keller versehentlich Conny mit der Chefstelle und drückt ihr die unbeliebte Abordnung aufs Auge. Diese Personalentscheidung verwundert Gisela und den kettenrauchenden Gewohnheitsmenschen Doris (Kathrin Angerer) höchstens bis zur Tischzeit um 12 Uhr. Derweil scheint sich Katja Steger (Klara Lange) alles erlauben zu können. Bloß wird ihr guter Draht zum Chef jeder Belastung standhalten? Gründlich nachdenken sollte ebenso die hübsche Faulenzerin Melissa (Anna Herrmann). Der tiefenentspannte Postverteiler Wolle (Florian Renner) sowie die naiven Wachmänner Can (Charles Booz Jakob) und Roman (Ben Felipe) ergänzen die Gemeinschaft.

In der Kantine versteht Melissa (Anna Herrmann, r.) nur halbwegs, was Amtsleiter Georg Schulenberg (Jan Henrik Stahlberg) von Ronja Keller (Friederike Kempter, l.) verlangt. ZDF /​ Sofia Velasquez

Schwarzer Humor und glaubwürdige Gefühle beherrschen neue Serie

Nach einigen Verwicklungen entdeckt der wütende Vorgesetzte Georg Schulenberg seine Handlangerin Ronja Keller in ihrem Versteck unter einem Schreibtisch. Hier enden ihre Ausflüchte. Conny fällt in ein tiefes Loch, und eine Bombe platzt in den Amtsräumen. Die gesamte Crew der Serie hat geschickt und gelassen dieses Ziel angesteuert. Regie und Drehbuch setzen offenbar geeignete Rahmenbedingungen der Handlung.

Obwohl schwarzer Humor und glaubwürdige Gefühle „Nine to Five“ auszeichnen, will kein starkes Gelächter aufkommen. Rhythmus und Tempo mögen überzeugen, doch die Gags und Sprüche erlahmen streckenweise. Das TV-Publikum kann die Schwächen schwierig erkennen und benennen. Die Darbietungen aus dem Stegreif überfordern die Akteure jedenfalls, sodass ihre Worte stocken. Die Improvisation erregt unsichere Reaktionen.

Diesmal kommt Jan (Fridolin Sandmeyer, M.) richtig in Stimmung, denn um ihn herum feiern ebenso (v. l.) Doris (Kathrin Angerer), Melissa (Anna Herrmann) sowie (v. r.) Roman (Ben Felipe) und Roland (David Ali Rashed). ZDF /​ Sofia Velasquez

Friederike Kempter vom Münster-„Tatort“ und Jan Henrik Stahlberg aus „Das Amt“ glänzen

Entgegen solcher Kritik überzeugt Friederike Kempter mit Ronjas Doppelzüngigkeit. Sie vermittelt eindrucksvoll, wie die angehende Amtsinhaberin ihr Fehlverhalten schönredet. Seit ihren damaligen Einsätzen im Münster–„Tatort“ hat Friederike Kempter ihr komödiantisches Talent und ihre umfassende Ausdrucksfähigkeit verfeinert. In diesem Jahr hat sie ansonsten Laura in der zweiten Staffel von „Achtsam morden“ verkörpert. Diese Film- und Fernsehkünstlerin sollte häufiger auf unseren Bildschirmen erscheinen.

Gleichwohl fasziniert Jan Henrik Stahlberg als durchtriebener Diktator im Westentaschenformat. Übrigens knüpft er an bürokratische Erfahrungen an, denn der Schauspieler unterstützte Jochen Busse in der vierten Staffel von „Das Amt“. Jan Henrik Stahlberg bewältigt die Herausforderungen dieser ungewöhnlichen Produktion. Sein Miesling ähnelt keinem Abziehbild eines Bösewichts, sondern er entfaltet moralische Flexibilität. Zudem springt der Amtsleiter zwischen Machtgehabe und Feigheit. Letztlich beherrscht Jan Henrik Stahlberg die notwendige Spontaneität. Mit feiner Gestik und Mimik entlarvt er den schillernden Charakter von Georg Schulenberg und spiegelt sich besonders an Friederike Kempter.

Can (Charles Booz Jakob, l.) und Roman (Ben Felipe, r.) dürfen sich ausnahmsweise als Türsteher aufspielen. ZDF /​ Sofia Velasquez

Konzept aus TikTok und Instagram überfordert ältere Zuschauer

Übertreiben wir mal nicht das Lob für einzelne Darsteller. Schließlich fesseln sogar die Nebenrollen dank der professionellen Lust auf Charakterstärke, Glaubwürdigkeit und Witz. Mit solchen Qualitäten spannen die Macher von „Nine to Five“ den Bogen vom Betriebsausflug über Liebesgeplänkel und Katastrophenschutz bis hin zum Teamgeist. Ein verrücktes Täuschungsmanöver und eine ausufernde Geburtstagsfeier erheitern ungemein.

Bei allen Einschränkungen verdient die Serie weitere Aufmerksamkeit. Das moderne Konzept könnte freilich ältere Zuschauer erschöpfen, zumal die Ideen aus TikTok und Instagram selten die Bedürfnisse dieser Zielgruppe treffen. Insofern ist „Nine to Five“ gut im Streamingportal aufgehoben. Nach der geplanten Reform der öffentlich-rechtlichen Sender wird diese Serie prima zu „neo von ARD und ZDF“ passen und somit die Tradition von ZDFneo fortsetzen.

Meine Wertung: 3,5/​5

„Nine to Five – Das Amt“ landet zunächst im ZDF-Streamingportal: Ab Freitag, dem 2. Oktober, stehen alle acht Episoden bereit. Ab dem 27. Oktober zeigt ZDFneo je zwei Folgen dienstags ab 21:45 Uhr. Auf diesem Sender endet die Serie am 17. November.

Über den Autor

Seit 2016 hat Stefan Genrich Websites entwickelt und an einer Hochschule unterrichtet. Vor einer siebenjährigen Pause bei fernsehserien.de würdigte er das weihnachtliche TV-Programm im United Kingdom: Sein Herz schlägt für britisches Fernsehen. Daher verfolgt er jeden Cliffhanger von „Doctor Who“. Der Journalist kritisiert nebenberuflich Serien. Ihn ärgern Mängel bei ARD und ZDF – oder er genießt „Tagesthemen“ sowie „Nord bei Nordwest“. Frühe Begegnungen mit „Disco“ und „Raumschiff Enterprise“ haben Spuren hinterlassen. Später scheiterte Stefan beim Versuch, die Frisur von „MacGyver“ zu kopieren. Wegen „Star Trek: Strange New Worlds“ und „1923“ mag er Paramount+.

Lieblingsserien: Frasier, Raumpatrouille, Star Trek – Deep Space Nine

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