„Nine Perfect Strangers“: Nicole Kidman zieht als rätselhafte Wellnesskoryphäe in den Bann – Review

    Neun angeknackste Menschen suchen Genesung in exklusivem Wohlfühlcenter

    Rezension von Christopher Diekhaus – 19.08.2021, 19:29 Uhr

    Als Wellnessguru verspricht Nicole Kidman in „Nine Perfect Strangers“ ihren Gästen eine neue Lebensqualität. – Bild: Prime Video
    Als Wellnessguru verspricht Nicole Kidman in „Nine Perfect Strangers“ ihren Gästen eine neue Lebensqualität.

    Nach „Big Little Lies“ und „The Undoing“ verpflichtet der umtriebige US-Fernsehmacher David E. Kelley zum dritten Mal binnen kurzer Zeit Hollywood-Star Nicole Kidman für ein vom ihm geschaffenes Serienprojekt. „Nine Perfect Strangers“ basiert auf dem gleichnamigen Roman der australischen Schriftstellerin Liane Moriarty und zeigt die auch als ausführende Produzentin involvierte Oscar-Preisträgerin (prämiert für ihre Darbietung in „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“) in einer Rolle, die wie gemacht ist für ihr feenhaftes, ätherisches Erscheinungsbild. Als scheinbar über den Dingen schwebende, eine höhere Weisheit kennende Leiterin eines luxuriösen Entspannungsresorts umweht Kidman eine seltsam faszinierende Aura – was man von der Hulu-Produktion in den ersten sechs von insgesamt acht Folgen nicht immer behaupten kann.

    Buch und Miniserie stützen sich auf ein Szenario, das in Literatur, Film und Fernsehen schon oft zum Einsatz kam, um Spannung und Dramatik zu erzeugen: Man nehme ein paar Menschen, die grundverschieden sind, führe sie an einem besonderen Ort zusammen und stelle sicher, dass sie diesen nicht so leicht verlassen können. Anschließend lasse man die Charaktere aufeinanderprallen. In „Nine Perfect Strangers“ steht es den Gästen der exklusiven Wellnesseinrichtung „Tranquillum House“ zwar frei, jederzeit zu gehen. Tatsächlich können sich die Besucher, die ein zehntägiges Erholungs- und Selbstfindungsprogramm absolvieren, aber nur schwer der Ausstrahlung der von Kidman gespielten russischen Inhaberin Masha entziehen. Wiederholt gibt es Momente, in denen eine der Figuren abreisen möchte. Sich wirklich dazu durchringen will sich aber niemand.

    Auch wenn im Titel von „neun Fremden“ die Rede ist, sind einige der in der ersten Folge Anreisenden verwandt und/​oder partnerschaftlich verbunden. Highschool-Lehrer Napoleon Marconi (Michael Shannon), der dem Aufenthalt mit kindlicher Vorfreude entgegenblickt, erscheint mit seiner in sich gekehrten Gattin Heather (Asher Keddie) und Tochter Zoe (Grace Van Patten). Die Social-Media-Expertin Jessica Chandler (Samara Weaving) wiederum schlägt mit ihrem Ehemann Ben (Melvin Gregg) in Mashas Resort auf. Nach Ruhe und geistiger Gesundung suchen zudem die Romanautorin Frances Welty (Melissa McCarthy), die von einem neuen Lebensgefühl träumende Carmel Schneider (Regina Hall), der drogensüchtige Tony Hogburn (Bobby Cannavale) und der undurchsichtige Lars Lee (Luke Evans).

    Noch findet Lars (Luke Evans) Ruhe in Tranquillum. Prime Video

    Dass diese Gestalten, die allesamt Enttäuschungen oder Schicksalsschläge mit sich herumschleppen, laut Titel perfekt sein sollen, klingt erst einmal komisch. Verständlich wird diese Zuschreibung aber vielleicht, wenn man sie durch Mashas Augen sieht. Recht früh werden Bemerkungen und Hinweise eingestreut, die sich um die großen Ambitionen der Tranquillum-Chefin drehen. Die Gruppe wurde vorab sorgsam ausgewählt. Und offenbar strebt die Wellnessspezialistin irgendetwas Bahnbrechendes, Revolutionäres an. Schon kurz nach dem Programmstart ist sie bereit, vom üblichen Verfahren abzuweichen und einem „neuen Protokoll“, wie es heißt, zu folgen. Darüber sind ihre engsten Mitarbeiter Delilah (Tiffany Boone) und Yao (Manny Jacinto), die in einem sektenartigen Abhängigkeitsverhältnis zu Masha stehen, verwundert. Allerdings äußert nur die junge Frau mit Nachdruck Zweifel.

    Auf den ersten Blick wirkt das von üppigem Grün umgebene, fernab der nächsten Ortschaft liegende Wellnesscenter aus Glas und Stein wie ein herrlich idyllischer Rückzugsort, an dem man wirklich die Seele baumeln lassen und zu neuen Kräften kommen kann. Die oft hellen, klaren Bilder und die hübsche Naturkulisse können aber freilich nicht verschleiern, dass es mit der Harmonie während des Zehn-Tage-Seminars ohne Handy- und Internetkonsum nicht weit her sein wird. Wenn sich Figuren in einem Film oder einer Fernsehproduktion in ein Sanatorium begeben, stecken sie, siehe etwa der Gruselthriller „A Cure for Wellness“ oder die schwedische Thriller-Serie „Himmelstal“, schnell in einem Albtraum fest. „Nine Perfect Strangers“ setzt zwar nicht auf permanenten Nervenkitzel und lupenreinen Horror, schlägt jedoch eine ähnliche Richtung ein. Mashas grenzüberschreitende Entscheidungen und die teils traumatischen Hintergründe der Tranquillum-Besucher sorgen jedenfalls für reichlich Zündstoff. Als zusätzliches Spannungselement dienen Todesdrohungen, die Masha plötzlich erreichen und die sie in den ersten sechs Episoden nicht zuzuordnen vermag.

    Was der Zuschauer nach und nach, auch durch regelmäßig eingebundene, schlaglichtartige Rückblenden, über die Protagonisten erfährt, ist von unterschiedlich aufregender Qualität. Mashas blutig-schmerzhafte Backstory, die ihren Weg zum Lebenshilfeguru geebnet hat, ist fraglos reizvoll. Auch und vor allem, weil es Nicole Kidman gelingt, sie als zerrissene, krampfhaft um Contenance bemühte, andererseits jeden Raum füllende Persönlichkeit darzustellen. Obwohl Masha ein ums andere Mal esoterische Plattitüden und banale Metaphern benutzt, sind die Szenen, in denen sie anwesend ist, von einem Knistern erfüllt. Erschütternde und bewegende Einblicke erhalten wir darüber hinaus in die tragische Familiengeschichte der Marconis. Besonders Michael Shannon bekommt einige eindrückliche Momente spendiert, die Napoleons Verletzungen schonungslos nach außen kehren. Eine interessante Beziehung entspinnt sich ferner zwischen der mit beruflichen und privaten Sorgen belasteten Frances und dem von Bobby Cannavale wunderbar grummelig gespielten Tony, dem mehrere schlimme Ereignisse zu schaffen machen.

    Jessica (Samara Weaving) und Ehemann Ben (Melvin Gregg) wollen wieder zueinander finden. Prime Video

    Gleichzeitig büßt „Nine Perfect Strangers“ allerdings an Ausdruckskraft ein, da David E. Kelley und der mit ihm für die Entwicklung der Miniserie verantwortliche John-Henry Butterworth („Le Mans 66 – Gegen jede Chance“) andere Charaktere arg karikaturenhaft anlegen. Nennen muss man hier in erster Linie die als naives, blondes Influencer-Püppchen gezeichnete Jessica und die innerlich brodelnde, unter der Trennung von ihrem Ex-Mann leidende Carmel. Die grundsätzlich vielversprechende Gemengelage wird zudem von plumpen, die Ängste der Resort-Gäste allzu explizit ausbuchstabierenden Traumszenen und Halluzinationen verwässert. Mashas Drogencocktails mögen diese Bilder inhaltlich begründen. Die Macher hätten sich aber an manchen Stellen etwas originellere Einschübe überlegen können. Ist es wirklich unheimlich oder witzig, wenn Frances die Miniaturausgabe eines gewissen Paul Drabble (verkörpert von Melissa McCarthys echtem Ehemann Ben Falcone), der die Autorin nach Strich und Faden ausgenutzt hat, das Klo hinunterspült?

    „Nine Perfect Strangers“ ist einnehmend fotografiert, in Teilen gut gespielt, beschwört phasenweise eine produktiv rätselhafte Stimmung herauf, lässt die Spannung in den Folgen eins bis sechs aber immer mal wieder abreißen. Die eigenartig anziehende Wirkung, die Kidman bei fast all ihrer Auftritte versprüht und die schon der psychedelische Vorspann anteasert, will sich noch nicht über die Miniserie als Ganzes legen.

    Der Text basiert auf der Sichtung der ersten sechs von insgesamt acht Folgen der Miniserie „Nine Perfect Strangers“.

    Meine Wertung: 3/​5

    Die Miniserie „Nine Perfect Strangers“ wird seit 18. August 2021 auf dem US-amerikanischen Streaming-Dienst Hulu veröffentlicht. In Deutschland wird die Serie ab dem 20. August 2021 bei Amazon Prime Video veröffentlicht – zum Auftakt gibt es drei Folgen, die restlichen fünf Episoden folgen im wöchentlichen Rhythmus.

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