„Alias Grace“: Kaltblütige Killerin oder unschuldiges Opfer? – Review

    Margaret Atwoods Romanadaption überzeugt durch starke Hauptdarstellerin

    Jana Bärenwaldt
    Rezension von Jana Bärenwaldt – 22.10.2017, 14:00 Uhr (erstmals veröffentlicht am 16.10.2017)

    Sarah Gadon in der Hauptrolle von „Alias Grace“ – Bild: CBC
    Sarah Gadon in der Hauptrolle von „Alias Grace“

    „Unmenschlicher weiblicher Dämon, unschuldiges Opfer, dumm und ahnungslos, mürrisch und streitsüchtig, gutes Mädchen, leicht zu beeinflussen, gerissen und hinterhältig, nicht ganz richtig im Kopf, kaum von einer Idiotin zu unterscheiden.“ - All diese verschiedenen Dinge wurden bereits über Grace Marks geschrieben. Wie kann jemand all diese verschiedenen Dinge auf einmal sein, fragt sich nicht nur die Protagonistin am Anfang von „Alias Grace“ selbst, sondern auch der Zuschauer in deren weiterem Verlauf. Welche der Grace zugeschriebenen Eigenschaften treffen zu und wer ist die junge Frau wirklich? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Serien-Adaption von Margaret Atwoods gleichnamigem Roman, der auf tatsächlichen Ereignissen basiert.

    Im Zentrum der Handlung steht das irische Dienstmädchen Grace Marks (Sarah Gadon), die 1843 mit gerade einmal 16 Jahren zusammen mit dem Stallburschen James McDermott (Kerr Logan) des Mordes an ihrem Arbeitgeber Thomas Kinnear (Paul Gross) und der Haushälterin Nancy Montgomery (Anna Paquin) schuldig gesprochen wurde. Während McDermott für das Verbrechen gehängt wurde, setzte das Gericht die Strafe von Grace auf lebenslange Haft fest. Nach einem kurzen Aufenthalt in einer Psychiatrie wurde sie in das Hochsicherheitsgefängnis Kingston Penitentiary überführt. Aufgrund ihres sanften Gemüts, ihres vorbildhaften Verhaltens sowie einiger Widersprüchlichkeiten bei ihrer Verhaftung, wird schließlich 1859 der amerikanische Psychiater Dr. Simon Jordan (Edward Holcroft) zur Hilfe herangezogen. Er soll Grace befragen und ein für alle Mal die Frage nach Schuld oder Unschuld klären.

    Nach ihren schlechten Erfahrungen mit Ärzten verhält Grace sich dem Doktor gegenüber zunächst misstrauisch und zurückhaltend. Aber auch Simon selbst weiß anfangs nicht, woran er bei der jungen, mysteriösen Frau ist. Als Grace beginnt, von ihrer Kindheit und Jugend zu erzählen, entspinnt sich ein zartes Band zwischen den beiden. Der Zuschauer wird unwillkürlich in die Position von Dr. Jordan hineinversetzt, der gebannt in die aufwühlende Geschichte von Grace hineingezogen wird. Genauso schnell wird man aber meist wieder hinausgerissen, wenn die Erzählungen ihrer Vergangenheit durch gegenwärtige Ereignisse unterbrochen werden. Das irische Mädchen hatte kein leichtes Leben, musste früh den Tod ihrer Mutter verkraften und sich um einen alkoholkranken Vater und ihre vielen kleinen Geschwister kümmern.

    Grace’ Erzählungen bringen ein wenig Licht ins Dunkel um ihre Person, werfen aber ebenso neue Fragen auf. Der Zuschauer weiß nie genau, woran er bei ihr ist, und sobald man denkt, der Wahrheit ein Stück näher gekommen zu sein, wird diese vermeintliche Erkenntnis direkt wieder in Frage gestellt. Die junge Frau ist definitiv klüger als sie vorgibt zu sein. Ob dies allerdings Berechnung ist, oder ob sie mit der Zeit einfach Vorsicht gelernt hat, sei dahingestellt. Der Dialog zwischen Doktor und Patientin ist auf jeden Fall sehr eindrucksvoll gestaltet. Es geht um Misstrauen, vorsichtiges Herantasten und das Spiel mit der Wahrheit. Man könnte den beiden stundenlang zusehen. Vor allem Sarah Gadon gelingt es mit ihrer unglaublich ausdrucksstarken Mimik alle Wesenszüge gleichzeitig zu verkörpern, die Grace Marks zugeschrieben wurden, und trotzdem ein Buch mit sieben Siegeln zu bleiben. Ob sie ein manipulatives Spiel spielt, oder mittlerweile einfach an die Version der Geschichte glaubt, die die Leute ohnehin schon glauben, ist und bleibt ungewiss. Und vielleicht geht es genau darum. Es geht nicht darum, was die Leute glauben, sondern was sie glauben wollen. Und eine 16-jährige, eiskalte Mörderin ist nun einmal aufregenderer Gesprächsstoff als ein unschuldiges naives Mädchen.

    Die Serie „Alias Grace“ bietet sicherlich keine geballte Action, dafür aber viele feinsinnige Dialoge und Gänsehautmomente. Die Handlung entspinnt sich langsam und vorsichtig, fast schon langatmig. Das kann frustrierend sein, da man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Grace Marks zieht den Zuschauer ebenso in seinen Bann wie Dr. Simon Jordan, der sich zusehends fasziniert von der sensiblen jungen Frau zeigt. Da das Drama in Deutschland auf Netflix veröffentlicht wird, steht einem gemütlichen Binge Watching also nichts mehr im Wege. Die Serie ist definitiv für alle Fans von Margaret Atwood und historischen Serien zu empfehlen. Es wird spannend sein zu sehen, wie die Serie Atwoods Roman weiter umsetzt und mit der im Buch unaufgelösten Frage nach Schuld und Unschuld umgeht.

    Meine Wertung: 4/5

    © Alle Bilder: CBC

    Die Mini-Serie „Alias Grace“ feiert derzeit im Kanada beim öffentlich rechtlichen Sender CBC ihre Weltpremiere. Ab dem 3. November steht die ganze, sechsteilige Serie in Deutschland bei Netflix zum Abruf bereit.

    Über die Autorin

    Jana Bärenwaldt

    Jana Bärenwaldt entdeckte ihre Leidenschaft für Fernsehserien mit der Ausstrahlung von „The Tudors“ im deutschen Fernsehen. Bis heute ist die Historienserie eins ihrer favorisierten Genres, weswegen sie diesem Thema auch ihre Bachelorarbeit gewidmet hat. Mittlerweile schaut sie aber bunt gemischt, von Drama über Fantasy bis hin zu Anime Serien. Seit März 2016 ist Jana neben ihrem Studium der Medienwissenschaften in der Redaktion von fernsehserien.de tätig und schreibt dort hauptsächlich für TV-Serien aus dem englischsprachigen Raum.

    Lieblingsserien: The Walking Dead, Outlander, Westworld

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen

      weitere Meldungen