Eigentlich scheint bei Netflix als weltgrößtem Streaminganbieter weiterhin alles in Ordnung zu sein. Doch im Vorfeld der für den 20. Oktober erwarteten Veröffentlichung der aktuellsten Quartalszahlen ist in der Chefetage wilder Aktionismus ausgebrochen – der zeigt, dass das Unternehmen von Co-CEO Ted Sarandos zu einer kritischeren Eigenanalyse kommt und massiven Handlungsbedarf sieht.
Nachdem schon bestätigt war, dass Netflix knapp 1.000 Angestellten kündigen würde (etwa 6 Prozent der Belegschaft), folgte nun auch das eher überraschende Aus für Chief Content Officer Bela Bajaria. Die hatte den Job als Verantwortliche für jedweden Content – Serien, Filme, Liveveranstaltungen – seit 2020. Ihr Nachfolger ist der ehemalige FOX-Manager Peter Rice.
Doch der Reihe nach:
Die Probleme von Netflix
Wie gesagt, Netflix ist weiterhin der weitverbreitetste Streaming-Dienst der Welt. Sarandos hatte zuletzt angegeben, dass Netflix aktuell nicht so schnell wachse, wie er sich das wünsche. Bei den letzten Quartalszahlen wurde ein Einnahmenzuwachs von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ausgewiesen (aus 12,6 Milliarden US-Dollar), davon waren satte 33 Prozent Überschuss.
Allerdings war das Viewer Engagement seit Jahresbeginn nur um 2 Prozent auf 97 Milliarden abgerufene Stunden gewachsen. Das machte Wirtschaftsanalysten nicht glücklich, der Aktienkurs war über das vergangene Jahr um 40 Prozent gesunken; während der höchste Aktienpreis in den vergangenen 52 Wochen 125 US-Dollar betragen hatte, liegt er aktuell bei um 70 US-Dollar.
Dann musste sich Netflix bei den Emmys mit dem schlechtesten Abschneiden seit Jahren begnügen: 16 Trophäen bedeuteten Rang 3 hinter Apple TV und Dauerkonkurrent HBO. Dazu kommt, dass zuletzt zwar durchaus erfolgreiche Serien gestartet sind (neu in der ewigen Top 10 sind etwa die Miniserien „His & Hers“ sowie „Nur für dein Leben“), aber keine neuen Franchises, die den Zeitgeist bestimmt hätten.
Und schließlich hat der gescheiterte Versuch von Netflix, Warner Bros. aufzukaufen, Fragen aufgeworfen: Die Unternehmensspitze war bereit, den teuren Einkauf zu wagen, um an bestehende Franchise-Rechte zu kommen (und sich Streaming-Konkurrent HBO Max einzuverleiben). Heißt das, dass Netflix selbst glaubt, Wachstum sei nur (noch) über Zukäufe zu erreichen? Die Börsianer waren skeptisch.
Die Konzernspitze von Netflix hat im Zuge der Entlassungen angekündigt, dass man mit den Einsparungen in den Bereichen Product (also die Webseite und ihre Technik an sich), Tech, Legal und HR (Personalverwaltung) aggressive Investitionen in high-impact-Bereiche tätigen will. Dazu gehört natürlich auch der Content.
Content-Chefs: Cindy Holland, Bela Bajaria und Peter Rice
Seit Beginn der Eigenproduktionen von Netflix war zunächst Cindy Holland bis 2020 dafür verantwortlich gewesen. Die galt als in Kreativen-Kreisen gut vernetzt: Neben den zugekauften Inhalten brachte sie „Premium-Serien“ als Sahnehäubchen auf den Weg: „House of Cards“, „Stranger Things“ oder „The Crown“. Als die „Streaming Wars“ aufzogen, lief Hollands Zeit ab: Die bisherigen Content-Lieferanten von Netflix behielten ihre Filme und Serien für die eigenen Streamingdienste wie Disney+, Peacock, Paramount+ und schließlich HBO Max. Netflix musste selbst „breiter“ produzieren, um die sich bildende Lücke zu schließen.
Das sollte die gebürtige Britin Bela Bajaria erledigen, die bei Netflix schon vier Jahre lang für den Aufbau des Reality-Bereichs verantwortlich gewesen war, davor Serien beim Studio Universal Television herstellte. Der Versuch, die (fiktionale) Serienproduktion neu aufzustellen, gelang nur „mäßig“, wie viele Netflix-Abonnenten, die man über das Angebot dort befragt, nur zu gerne und wortreich bestätigen werden. Trotzdem leistete Bajaria Großes für den Streamer: Sie etablierte Reality-Formate als festen Bestandteil des Angebots, daneben zog sie das Geschäft mit „lokalen“ Produktionen groß auf und stärkte Netflix damit außerhalb der USA ungemein. Außerdem forcierte sie den Einstieg in Live-Formate und Sportrechte (WWE-Wrestling, Footballspiele), was sich seit dem Einstieg von Netflix in Werbeabos als goldrichtige Vorarbeit erwiesen hat. Und während 2026 bei den Emmys der Fokus darauf lag, dass Netflix eben eingebrochen war, hatte Bajaria den Streamer in den Jahren davor zum Konkurrenten von HBO aufgebaut, im Vorjahr noch 30 Emmys verbuchen können. Bajaria hatte gerade auch eine Initiative laufen, die darauf setzt, wieder verstärkt Premiumserien zu produzieren, wozu man sich in Bieterwettstreits mit Apple und HBO begab. Bei den International Emmy Awards im November steht für Bajaria eine Ehrung mit dem International Emmy Founders Award für ihre Arbeit bei Netflix und die Stärkung nicht-englischsprachiger Produktionen an.
Ihr Nachfolger Peter Rice wird als einer der wenigen Branchenmanager gewürdigt, der umfangreiche Erfahrungen als Film- und Fernsehproduzent besitzt. In seiner Karriere war er ebenso Chef des Filmstudios Fox Searchlight wie des Senders FOX und wechselte dann zu Walt Disney. Dort wurde er der oberste Fernsehverantwortliche – und 2022 überraschend vom damaligen Disney-CEO Bob Chapek ausgebootet. Analysten summierten, dass der sehr unsicher im Sattel sitzende Chapek damit (s)einen potenziellen Nachfolger loswerden wollte. Letztlich wurde Chapek dann von seinem damaligen Vorgänger Bob Iger abgelöst. Rice war zuletzt bei den Los Angeles 2028 Olympic Games als Produzent der Eröffnungs- und Abschlusszeremonie unter Vertrag und wird die Aufgabe auch noch erledigen.
Zusammen mit Bajaria wurden zahlreiche Abteilungsleiter freigestellt, um Rice den Aufbau eigener Strukturen zu ermöglichen und auch, um die Verwaltung bei Netflix auf die jüngsten Änderungen im Streaminggeschäft einzustellen.
Kleine Anekdote zu Cindy Holland: Die hatte vor einem Jahr bei Paramount+ angeheuert und sollte für David Ellison nach dem Zusammengehen von Skydance und Paramount Global das Streaminggeschäft auf Vordermann bringen. Nachdem Ellison dann auch noch Warner Bros. Discovery gekauft hatte, war sie ihren Job wieder los: HBO-Chef Casey Bloys leitet beim neuen Konzern nun die Streaming-Abteilung.
Mein Gefühl ist das der Content momentan laufend schlechter wird und dafür die Preise erhöht werden. Ich jedenfalls habe seit Wochen nichts mehr bei N gesehen, sondern finde eher etwas bei WOW und Disney+.