Interview mit Tommi Ohrner & Emanuel Rotstein: „Das Herzblut muss erkennbar sein.“

    Von „Timm Thaler“ über „Glücksrad“ bis hin zu „Käpt’n Kasi“ – von Marcus Kirzynowski

    14.11.2015, 12:00 Uhr – Marcus Kirzynowski

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    „Käpt’n Kasi“-Dreh mit Tobias Kasimirowicz (l.) und Tommi Ohrner (r.)
    „Käpt’n Kasi“-Dreh mit Tobias Kasimirowicz (l.) und Tommi Ohrner (r.)

    Der deutsche Pay-TV-Sender History startet eine neue eigenproduzierte Doku-Soap: In „Käpt’n Kasi – Auf hoher Spree“ erbt der bereits aus der Reihe „Rost’n’Roll – Kasis Werkstattgeschichten“ bekannte Tobias Kasimirowicz ein altes Hausboot, mit dem er Berlins Wasserwege erkundet. Immer wieder sucht er dabei auch historische Orte auf, begleitet von jeweils einem prominenten Gast pro Folge. Neben unter anderen Gunter Gabriel, Gedeon Burkhard und Claude-Oliver Rudolph geht auch Thomas „Tommi“ Ohrner in einer der sechs Episoden mit auf Fahrt. wunschliste.de-Redakteur Marcus Kirzynowski hatte Gelegenheit, ein Doppelinterview mit Ohrner und dem bei History für Eigenproduktionen zuständigen Emanuel Rotstein zu führen. Darin ging es um die Herangehensweise des Senders an eigene Formate, aber auch um Ohrners langjährige Karriere als Schauspieler, TV- und Radiomoderator sowie die Rückkehr von „Timm Thaler“.

    wunschliste.de: Herr Ohrner, Herr Rotstein, Sie haben ja bereits eine gemeinsame „Vergangenheit“, denn Sie haben sich schon in der Kindersendung „Bim Bam Bino“ bei Tele 5 kennengelernt. Wann genau war das und welche Rollen hatten Sie damals in der Sendung?

    Emanuel Rotstein: Das muss so um 1988 gewesen sein. Ich war von 1988 bis 1990 als Studiokind bei einigen Sendungen in München dabei. Aufgezeichnet wurden immer ein bis zwei Sendungen am Tag, in einer Gründerzeitvilla. Wenn man da reinkam, gab es erst einmal eine Spielecke. Dann wurde man in knallbunte Klamotten gesteckt, um an den Aktionen während der Sendung teilzunehmen.

    Thomas Ohrner: Ich hatte meine Moderationsanfänge im Fernsehen damals bei Tele 5, erst beim Frühstücksfernsehen und dann bei „Bim Bam Bino“. Tele 5 hat ja damals sehr viel gewagt, viel ausprobiert. Darunter war auch viel Blödsinn, aber auch sehr erfolgreiche Sachen. „Bim Bam Bino“ war damals ja eine der erfolgreichsten Kindersendungen. Bei manchem war der Sender der Konkurrenz weit voraus, etwa bei der Berichterstattung über den ersten Irakkrieg, wo er wegen einer Kooperation mit CNN viel besseres Bildmaterial hatte als ARD und ZDF.

    wunschliste.de: Wie kam es jetzt mehr als 20 Jahre später dazu, dass Sie bei „Käpt’n Kasi – Auf hoher Spree“ wieder aufeinandergetroffen sind?

    Rotstein: Wir haben nach prominenten Protagonisten gesucht, die Käpt’n Kasi unterstützen. Die sollten natürlich eine Affinität zum Thema Wasser haben, zu Hausbooten und der Vorstellung von Freiheit, die damit zusammenhängt. Da fiel mir Tommi Ohrner ein, der schon mal davon gesprochen hatte, sich ein Hausboot kaufen zu wollen.

    Ohrner: Ich hatte mal einen Dreh in Holland, wo wir auf einem Hausboot über die Grachten gefahren sind. Dieses Gefühl fand ich toll, einmal nicht durchs Land zu fahren, sondern das Land an dir vorbeiziehen zu sehen. Ich hab damals meiner Frau vorgeschlagen: „Lass uns so ein Boot kaufen.“ Aber die Kinder fanden die Vorstellung langweilig, haben sich gefragt, was man darauf die ganze Zeit machen sollte. Die wollten doch lieber nur wieder in den Robinson-Club oder so etwas. Aber ich spiele immer noch mit dem Gedanken. Den Binnenschein habe ich schon vor Jahren gemacht. Fahren dürfte ich also, vielleicht verwirkliche ich mir den Traum im Alter.

    Emanuel Rotstein, Director Production bei History
    Emanuel Rotstein, Director Production bei History

    wunschliste.de: Herr Rotstein, mit dem Protagonisten des neuen Formats, Tobias Kasimirowicz, haben Sie bereits die Doku-Reihe „Rost’n’Roll – Kasis Werkstattgeschichten“ für History realisiert. Woher kam die Idee, ihn jetzt auch noch auf Berlins Wasserwege zu schicken?

    Rotstein: Wir wollten die Sendung ein Stück weiterentwickeln, zumal Kasi auch gesagt hat: Was soll ich nach zwölf Folgen noch Neues zu Autos erzählen? Bei meinen Touren durch Berlin habe ich oft gedacht: Die Spree ist doch enorm spannend, um unbekannte Ecken der Stadt kennenzulernen. Die Geschichte Berlins ist ja auch eng mit den Wasserwegen verbunden. Ich habe dann mit Christoph Bauer, einem der beiden Geschäftsführer unseres Produktionspartners Propellerfilm, über die Idee gesprochen. Christoph verbringt seinen Urlaub öfter mit Hausbootbesitzern und hatte daher bereits einen besonderen Bezug zum Thema. Das ist eine ganz eigene Subkultur, ähnlich wie die Schrauber in „Rost’n’Roll“.

    wunschliste.de: Was steht bei der neuen Reihe im Mittelpunkt: der Unterhaltungs- oder auch der Informationsaspekt? Kasimirowicz besucht ja mit seinen Gästen auch historische Einrichtungen in Berlin wie etwa das Alte Wasserwerk, das heute ein Museum ist.

    Rotstein: Es ist eine gute Mischung, wobei die Unterhaltung im Vordergrund steht, mit Kasi als nettem „schrägen Vogel“. Es ist keine reine Geschichtsdoku, aber Geschichte wird auch mitvermittelt, dadurch, dass Kasi eben mit seinem Hausboot, der „Woody“, historische Bootstouren anbieten will und er demzufolge immer wieder einen entsprechenden Schauplatz aufsucht: vom bereits erwähnten Alten Wasserwerk am Müggelsee bis hin zum ehemaligen DDR-Gefängnis an der Rummelsburger Bucht.

    wunschliste.de: Sind die Gespräche zwischen Kasi und seinen Kumpeln und mit den Promis eigentlich geskriptet oder ist das alles spontan?

    Rotstein: Es ist „produced“, aber nicht geskriptet. Wir geben Situationen und Schauplätze vor, aber die Texte sind nicht aufgeschrieben.

    Ohrner: Man kennt vorher die Eckdaten, aber die Produktion hat die Situationen dann sich entwickeln lassen. Ich kannte Kasi vorher nicht, habe ihn erst mal gegoogelt. Das ist ein authentischer Typ, da braucht man vorher gar nicht jedes Wort planen. Nebenbei habe ich beim Dreh einen ganz anderen Blick auf die sonst so stressige Stadt Berlin bekommen und zum Beispiel im Alten Wasserwerk auch selbst noch was gelernt.

    wunschliste.de: Herr Rotstein, Sie haben bislang für History deutsche Eigenproduktionen aus sehr unterschiedlichen Genres betreut: von den Polit-Dokus „Die Legion – Deutscher Krieg in Vietnam“ und „Die Befreier“ – über die Befreiung des KZ Dachau – über die Doku-Soap „Die Modemacher“ bis eben zu den Kasi-Reihen. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Eigenproduktionen Sie für History entwickeln?

    Rotstein: Die Eigenproduktionen sind wichtig für die Lokalisierung des Senders, um das Publikum noch direkter ansprechen zu können. Mit ihnen wollen wir das breite Programmspektrum von History abbilden, das von der klassischen Dokumentation bis hin zum Factual-Entertainment-Format reicht. Geschichtsdokus sind meine Herzensangelegenheit. Da hab ich viel Erfahrung, die habe ich, bevor ich zu History kam, schon für die ARD gemacht. Genauso gerne betreue ich unser zweites Standbein: die Factual-Entertainment-Formate. Für sie braucht man dann Protagonisten wie Kasi, der als Typ von alleine funktioniert – ähnlich wie die Protagonisten in unseren amerikanischen Formaten. Das ist zwar eine lokalisierte Produktion, aber sie funktioniert dann interessanterweise auch im Ausland. So haben wir „Rost’n’Roll“ nach Polen, ins französischsprachige Kanada und nach Japan verkaufen können. Das liegt wohl daran, dass die Erzählweise doch nah an den amerikanischen Vorbildern ist. Bei unseren großen Geschichtsdokus ist der Ansatz ein anderer, da sind die Themen lokal verankert, aber die Protagonisten sprechen Englisch. Mit diesen Filmen wollen wir eine globale Signifikanz erreichen, wir wollen bewusst auf die internationalen Märkte und auch auf die Festivals.

    wunschliste.de: In welchem Umfang lässt das Budget von History beziehungsweise A+E Networks Germany überhaupt Eigenproduktionen zu? Sagt man eher: Lass uns weniger machen, aber da dann mehr Geld reinstecken?

    Rotstein: Die Eigenproduktionen haben für uns einen hohen Stellenwert, es geht dabei aber nicht darum, Programmplätze zu füllen. Dafür bräuchten wir sie nicht, weil wir genügend gute Formate aus den USA haben. Es geht dabei darum, mit unseren lokalen Mitteln und Ideen Inhalte zu schaffen, die besonderen Mehrwert bieten und deren Produktionsqualität sich mit den Programmen unseres Mutterhauses messen kann. Dann reichen auch weniger Folgen. Wenn wir eine Eigenproduktion machen, muss jeder Schuss sitzen.

    Lesen Sie auf der nächsten Seite, mit welchen Gefühlen Thomas Ohrner auf seine Karriere zurückblickt und ob er sich heute noch gerne „Timm Thaler“ ansieht.

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