Interview mit „Geh aufs Ganze!“-Moderator Jörg Draeger

    „Mit wenigen Abstrichen könnte man das heute noch genau so machen“ – von Dennis Braun und Glenn Riedmeier

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 01.10.2013, 14:52 Uhr

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    Jörg Draeger© ITV Media Group/​Dominik Asbach

    Jörg Draeger moderierte von 1992 bis 2003, zuerst bei Sat.1 und später bei kabel eins, den Gameshow-Dauerbrenner „Geh aufs Ganze!“. Er zockte mit Kandidaten aus dem Studiopublikum um Autos, Bargeld, Reisen und Motorräder. Die Mitspieler mussten sich entweder für einen Umschlag, eine Kiste oder eines von drei Toren entscheiden, wobei Draeger stets versuchte, sie von ihrer Entscheidung abzubringen oder ihnen Geld anbot, um aus dem Spiel auszusteigen. Seine Menschenkenntnis machte dabei den größten Reiz der Gameshow aus. Eigentlicher Star war jedoch der Zonk, eine kleine rote Stoffmaus, die als Niete fungierte und von Draeger einst als „schönstes Nichts der Welt“ bezeichnet wurde.

    2014 kehrt er mit einer Neuauflage von „Alle gegen Draeger“, einem Spin-Off von „Geh aufs Ganze!“, das 2004 kurzzeitig bei 9Live lief, beim Internet-Fernsehsender Family TV zurück (fernsehserien.de berichtete). Zunächst sind fünf Folgen geplant, die 14-tägig am Sonntagabend um 21:15 Uhr ausgestrahlt werden. Zum Auftakt zeigt Family TV am 26. Januar eine Doppelfolge ab 20:15 Uhr. Im Gegensatz zu „Geh aufs Ganze!“ hat das Format nicht den Anspruch, eine große Gala zu sein, sondern beschränkt sich auf eine intime Casino-Atmosphäre. In den Spielrunden, in welchen Teams aus fünf bis sechs Kandidaten antreten, kommen überwiegend Karten und Würfel zum Einsatz. Dabei soll Draeger seine Fähigkeit, die Teilnehmer zu locken und in die Irre zu führen, wieder voll ausspielen können. wunschliste.de traf den Moderator und sprach mit ihm über seine TV-Karriere, die Entwicklung der Fernsehlandschaft, den Gameshow–„ZDF-Fernsehgarten“ und die Chancen eines Revivals von „Geh aufs Ganze!“.


    wunschliste.de: Herr Draeger, Sie waren von 1992 bis 1996 und von 1999 bis 2003 insgesamt fast zehn Jahre lang mit „Geh aufs Ganze!“ erfolgreich. Welche Erinnerungen – positiver und negativer Art – verbinden Sie nach über zehn Jahren mit der Show?

    Jörg Draeger: Es war natürlich eine unglaublich schöne Zeit. Ein Faktor, der nachhaltig geblieben ist und weshalb auch viele Leute unterschiedlichster Altersgruppen die Sendung nach wie vor mögen ist, dass es eine vergleichbare Gameshow nicht gab. Wir hatten jedes Mal neue Spiele und jede Ausgabe unterschied sich in gewisser Form immer von der vorherigen, sodass wir abwechslungsreich wie keine andere Konkurrenzsendung waren. Den inneren Spieltrieb habe ich mir auch nach der Einstellung von „Geh aufs Ganze!“ bewahrt. Ich führe heute noch gerne durch Spielbank- und Casinogalas und zocke unter Anleitung des jeweiligen Direktors mit den Leuten um das dicke Geld. Dann gab es eine Zeit, in der wir mit einer Produktionsfirma in Dresden zehn Tage lang, jeweils 60 Minuten, eine Art Bühnenshow gestemmt haben und damit auch unglaublich erfolgreich waren. Wenn ich mir allerdings momentan die Wiederholungen bei Sat.1 Gold aus der Anfangszeit anschaue, dann gruselt’s mich schon sehr hinsichtlich der Klamotten und Frisuren. Ein Element, das in den USA nach wie vor hervorragend funktioniert, haben wir damals jedoch schnell wieder aus der Show entfernt: Der Hang der Studiogäste zu besonders ausgefallenen Kostümen und Verkleidungen. Das ging irgendwann so weit, dass die Leute immer skurrilere Outfits trugen, weil sie dachten, ich würde sie deswegen gezielter auswählen, was nicht unbedingt der Fall war.

    Vor Ihrer Zeit als Moderator von Unterhaltungsshows waren Sie bereits als Nachrichtensprecher für den NDR und Sat.1 sowie in früheren Jahren für Radio Andernach tätig. Was hat Sie nach Ihrer umfangreichen Ausbildung bei der Bundeswehr zum Radio und anschließend zum Fernsehen gezogen?

    JD: Schlicht und einfach: Geld. Eigentlich wollte ich immer Dramaturg werden, das hat aber alles nicht so ganz geklappt. Ich war zur Zeit der 68er-Generation an der Freien Universität Berlin und sah mich anschließend mit der Bundeswehr konfrontiert, wurde allerdings erstmal für relativ untauglich erklärt. Trotzdem berief man mich als Berufssoldat ein, womit ich mich anfangs auch ganz gut abgefunden hatte. Doch dann bekam ich ein Angebot vom NDR, wo ich erste Erfahrungen mit meinem Ü-Wagen sammelte und umfassend über die Großdemo gegen das AKW Brokdorf berichtete. Mir wurde bald angeboten als Nachrichtensprecher tätig zu werden, was ich dann drei Jahre lang gemacht habe. Danach wurde ich Moderator bei Radio Hamburg, anschließend hat mich ein Berater zu Sat.1 geholt, wo ich das Regionalfenster Schleswig-Holstein/​Hamburg/​Niedersachsen moderiert habe. Und 1991 kam plötzlich das Angebot, mit „Geh aufs Ganze!“ eine Unterhaltungssendung zu machen, welches ich ehrlicherweise auch aufgrund des finanziellen Aspektes angenommen habe.

    Jörg Draeger mit dem 2-Meter-Zonk© kabel eins
    Es heißt allerdings, Sie hätten die Sendung anfänglich abgelehnt. Was ist dran an der Geschichte und was hat Sie letztendlich bewogen, es nach der nicht gerade erfolgreichen Sendung „Krypton Faktor“ erneut mit einer Spielshow zu versuchen?

    JD: „Krypton Faktor“ war in der Tat richtig schlimm, und das obwohl die Show in Großbritannien hervorragend funktionierte. Wir haben es damals einfach mit dem Konzept komplett übertrieben und hatten dazu noch einen Regisseur, der vorher noch keine Erfahrungen mit Aufzeichnungen hatte. Wir standen teilweise fünf, sechs Stunden im Studio und sahen uns obendrein hochintelligenten Kandidaten gegenüber, die die von uns präsentierten Antworten entweder als falsch deklarierten oder bestimmte mathematische Aufgabenstellungen viel schneller lösen konnten, als uns das lieb war. Die Postproduktion war im Endeffekt teurer als die Aufzeichnung selbst. Was „Geh aufs Ganze!“ betrifft, kam der damalige Programmdirektor von Sat.1 auf mich zu, stellte mir das Originalformat „Let’s Make A Deal“ aus den USA vor und fragte mich, ob das was für den Sender sein könnte. Es stellte sich heraus, dass es nicht nur gut zu Sat.1 passte, sondern auch zu mir. Seitdem moderierte ich „Geh aufs Ganze!“.

    Sie haben gerade das Ursprungsformat „Let’s Make A Deal“ angesprochen. Verglichen damit hat sich „Geh aufs Ganze!“ jedoch relativ schnell emanzipiert und die Sendung wurde auf Sie zugeschnitten.

    JD: Das kam mit der Zeit. Zuerst waren wir uns schon nach wenigen Sendungen einig, dass als Trostpreis 20.000 ausgebrannte Glühbirnen, 20 Meter Jägerzaun, ein Toilettenhäuschen oder stillgelegte Ampeln in Deutschland nicht wirklich funktionieren. Deswegen habe ich irgendwann mit dem ersten Produzenten der Sendung die Spielmesse in Nürnberg besucht, wo wir auf eine kleine, graue Stoffmaus gestoßen sind. Die haben wir nach einem kreativen Prozess schließlich in rot und unter dem Namen „Zonk“, der auch in den USA für die Nieten verwendet wird, für die deutsche Fassung auserkoren.

    Im September 1996 haben Sie sich entschlossen, Ihrem Heimatsender Sat.1 und damit auch „Geh aufs Ganze!“ den Rücken zu kehren und zu RTL zu gehen, um für eine kurze Zeit das Magazin „Mysteries“ zu präsentieren. Wie würden Sie diesen doch gewagten Schritt in Ihrer Karriere mit der heutigen Distanz bewerten?

    JD: Ich hatte zum ersten Mal in meiner Karriere einen Manager, der wiederum der Ehemann von Margarethe Schreinemakers war. Dieser überredete uns beide zu RTL zu wechseln, was aus heutiger Sicht nicht gerade meine beste Entscheidung gewesen ist.

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