Gilmore Girls: Ein neues Jahr – Review

    Klassentreffen nach zehn Jahren lässt in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen – von Marcus Kirzynowski

    Rezension von Marcus Kirzynowski – 25.11.2016, 09:01 Uhr

    Erinnerungen werden wach: Lorelai (Lauren Graham, l.), Rory (Alexis Bledel) und der Schnee
    Die Zeit wartet auf niemanden, wie man so sagt. Auch an Lorelai und Rory Gilmore und ihren zahlreichen Freunden und Nachbarn in und um Stars Hollow, der idyllischen Ostküsten-Kleinstadt, sind die neun Jahre seit der Einstellung ihrer Serie nicht spurlos vorübergegangen. Sie sind aber zumindest nicht schlecht gealtert. „A Year in the Life“ heißt die späte Fortsetzung der „Gilmore Girls“, die Netflix in vier Teilen produzieren ließ, ganz prosaisch (auf Deutsch, weit weniger treffend: „Gilmore Girls: Ein neues Jahr“). Und genau darum geht es: Nachdem die sieben Staffeln der Originalserie von 2000 bis 2007 das Leben der Figuren quasi in Echtzeit mitverfolgten, werfen die neuen 90-Minüter jeweils zu einer anderen Jahreszeit relativ kurze Schlaglichter auf deren weiteres Leben im Verlauf eines Jahres – Winter, Frühling, Sommer und Herbst.

    Die Erwartungen der zahlreichen Fans waren groß, seit der Streamingdienst die Produktion der neuen Folgen angekündigt hatte. Ist „Gilmore Girls“ doch eine jener Serien, die sich durch ihre lange Laufzeit und die vielen Wiederholungen (auch im deutschsprachigen Raum) Kultstatus erworben haben, deren spritzige Dialoge und skurrile Einfälle noch heute oft zitiert werden. Man muss allerdings auch nüchtern feststellen, dass weder den allermeisten Hauptdarstellern – mit Ausnahme von Rorys Exfreunden Milo Ventimiglia und Jared Padalecki – noch Serienschöpferin Amy Sherman-Palladino danach ähnlich große Erfolge vergönnt waren. Hoffnungsfroh stimmte der Umstand, dass Sherman-Palladino selbst, die wegen Streitigkeiten mit dem Studio bei der siebten Staffel nicht mehr dabei war, die Leitung der Fortsetzung übernahm. Ebenso wie ihr Ehemann Daniel Palladino hat sie jeweils zwei Folgen geschrieben und auch inszeniert. Und man muss sagen: Die beiden langjährigen Autoren-Produzenten kennen ihre Figuren aus dem Effeff und natürlich auch all die Wendungen und Verwicklungen, die diese in 153 Folgen durchmachen mussten. Das alte „Gilmore Girls“-Feeling ist von der ersten Minute an wieder da.

    Dafür sorgt schon das winterlich-vorweihnachtliche Setting mit Tonnen von Kunstschnee, Dutzenden Lichterketten rund um den Dorfplatz-Pavillion und überdimensionierten Nussknackern. Auch das liebte man ja irgendwie an der alten Serie: dieses herrlich Übertriebene, die künstlich wirkenden Kulissen wie aus einer 50er-Jahre-Hollywood-Komödie. Gleich die erste Szene liefert dann in einer langen Plansequenz eines der berühmt-berüchtigten Rededuelle zwischen Mutter Lorelai (Lauren Graham) und Tochter Rory (Alexis Bledel), die nach längerer Zeit mal wieder für einen Kurzbesuch vorbeischaut. Die inzwischen 32-Jährige wirkt viel beschäftigt, jettet zwischen London und New York hin und her, schreibt als freie Journalistin für renommierte Blätter. Mit der Zeit wird jedoch klar, dass ihr Leben und ihre Karriere doch nicht so rosig aussehen, wie es nach außen hin den Anschein hat. Richtig angkommen ist sie noch lange nicht, ein veröffentlichtes Stück im New Yorker allein zahlt mittelfristig nicht die Miete. Auch privat geht es eher drunter und drüber, auch wenn sie zum Heimatbesuch einen Freund mitbringt, der so langweilig ist, dass jeder, der sich mit ihm unterhält, das komplette Gespräch schon nach Sekunden wieder vergessen hat. Aber es gibt auch noch einen anderen Mann in Rorys Leben, einen, den die Fans schon mehr als zur Genüge kennen … 

    Der Mann hat Schwein: Kirk (Sean Gunn)
    Tatsächlich gesettelt ist hingegen Lorelai, die seit dem Ende der Serie mit Luke (Scott Patterson) zusammenlebt. Obwohl beide nach wie vor glücklich miteinander sind, ziehen auch in dieser Beziehung natürlich neue Konflikte auf. Und dann ist da ja auch noch Lorelais Mutter Emily (Kelly Bishop), die große Antagonistin der Serie. Diese Mutter-Tochter-Beziehung hat einen neuen Tiefpunkt erreicht, nachdem Lorelai auf der Trauerfeier für ihren Vater Richard für Emilys Geschmack mal wieder zu offen gewesen ist. Wie die Autoren den Tod des Richard-Gilmore-Darstellers Edward Herrmann in ihrer Geschichte aufgreifen würden, war die vielleicht größte Herausforderung. Dies ist ihnen in Form einer langen Rückblende, die etwa nach einer halben Stunde voller Witz und Wiedersehensfreude einsetzt und die Stimmung komplett umkehrt, sehr gut gelungen.

    Neben dem nun auf vier Schauspieler geschrumpften Maincast haben auch so gut wie alle Nebenfiguren ihren Auftritt, die in der Originalserie (teils nur zeitweise) das ausufernde Ensemble bereicherten. Vor allem natürlich die liebenswert-skurrilen Einwohner von Stars Hollow, die durch ihre wiederkehrende Präsenz über Jahre erst dafür sorgten, dass sich die Zuschauer mit der Zeit schon selbst dort heimisch fühlten. Während Kirk (Sean Gunn) massig Raum für neue Verrücktheiten bekommt, tauchen andere nur für kurze Cameos auf. Und selbst Randfiguren wie Lorelais Exfreund „Digger“ machen kurz ihre Aufwartung. Einerseits ist das Fan-Service pur, weil kaum jemand wird sagen können, dass er diese oder jene Figur aber auch noch gerne wiedergesehen hätte. Andererseits merkt man schon, dass viele dieser Auftritte nicht wirklich eine dramaturgische Notwendigkeit haben. Es ist ein wenig wie in den neueren „Muppets“- oder „Star Trek“-Filmen, wo jeder, der in den Originalserien eine gewisse Bedeutung hatte, kurz eingebaut werden muss. Insbesondere der erste Teil wirkt durch die zahlreichen Gäste leicht überladen und kommt des Öfteren ins Stocken. In der zweiten Folge besuchen Rory und ihre „böse Freundin“ Paris – Liza Weil spielt sie herrlich überdreht wie eh und je – dann auch noch ihre ehemalige Schule, was zu weiteren Wiedersehen mit bekannten Figuren führt.

    Inszenatorisch sind auch die neuen Folgen ganz dem Network-Stil der Nullerjahre verhaftet, und obwohl sich die Autoren nun eigentlich nicht mehr an die strengen Sprachregeln des frei empfangbaren US-Fernsehens halten müssten, werden Flüche (in der Originalversion) nach wie vor nicht gewagter als ein gelegentliches „Shoot“. Das wirkt aber völlig angemessen und trägt zum etwas altmodischen Charme der Neuauflage bei.

    Inhaltlich ist vor allem zu loben, dass Rory auch mit Anfang 30 nicht das „perfekte“ Leben führt, dass sie sich schon mit 16, zu Beginn der Serie, erträumt hatte – sondern orientierungsloser ist als je zuvor. Das passt sicher besser zur Lebenssituation der heute 30- bis 40-Jährigen, die damals mit den Gilmore Girls aufgewachsen sind. Zudem ist es natürlich aus dramatischer Sicht wesentlich interessanter. Die größten Pluspunkte der Serie sind aber wie schon früher der Sprachwitz, die pointierten Dialoge mit ihren vielen popkulturellen Anspielungen. Zudem haben die Figuren nichts von ihrer Liebenswürdigkeit verloren. So bekommen die Fans weitgehend genau das, was sie erwartet haben, während Menschen, die mit der alten Serie nie etwas anfangen konnten, durch die neuen Folgen sicher auch keine Fans mehr werden. Insgesamt ist die Fortsetzung ein wenig wie ein Klassentreffen nach zehn Jahren: Wirklich vermisst hat man die meisten ehemaligen Mitschüler in der Zwischenzeit nicht, ein Wiedersehen hätte es nicht unbedingt gebraucht, aber irgendwie war es mit den meisten dann doch ganz schön, in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten ersten beiden Episoden von „Gilmore Girls: Ein neues Jahr“

    Meine Wertung: 4/5

    Marcus Kirzynowski
    © Alle Bilder: Saeed Adyani/Netflix

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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