Serienpreview: „Dark Blue“ – Review

    Neue Bruckheimer-Serie kämpft erfolglos gegen Klischees

    Rezension von Ralf Döbele – 25.07.2009

    Dark Blue Turner Broadcasting, Inc.

    Mit „Dark Blue“ schickt Erfolgsproduzent Jerry Bruckheimer erstmals eine Serie für einen US-Kabelsender an den Start. Das neue Format des Senders TNT zeigt die Fälle eines geheimen Undercover-Teams, das in Los Angeles gegen das organisierte Verbrechen kämpft und sich nicht wirklich vor irgendeinem Vorgesetzten verantworten muss. Dabei nehmen es Carter Shaw und Kollegen oft mit den gefährlichsten Unterwelt-Bossen auf. Dylan McDermott, Serien-Fans noch als Bobby Donnell in „The Practice“ in überaus guter Erinnerung, konnte als Hauptdarsteller gewonnen werden. Doch nach der Pilotfolge stellt sich nicht nur die Frage, ob dies wirklich eine gute Wahl war. „Dark Blue“ muss sich außerdem eine uninspirierte Konzeption und eine massive Ansammlung von Serien-Klischees vorwerfen lassen. Es gibt auch einige Lichtblicke, vor allem bei den Nebendarstellern. Doch insgesamt ist die Pilotfolge recht enttäuschend.

    Dylan McDermott Turner Broadcasting, Inc.

    „Dark Blue“ beginnt mit einem Schock – wortwörtlich. In der ersten Szene wird ein FBI-Agent bis zur Besinnungslosigkeit mit Elektroschocks gefoltert. Die Gangster hatten aber immerhin noch genug Zeit für die Unmenschlichkeit eine optisch ansprechende Location mit perfekt blau-weiß flackernden Lichtern zu finden. Als der Agent später bewusstlos im Krankenhaus liegt schießen sich die Ermittlungen der FBI-Kollegen auf Dean Bendis (Logan Marshall-Green) ein, einen Undercover-Cop, der zum Team von Carter Shaw (Dylan McDermott) gehört. Hat Dean womöglich die Seiten gewechselt? Immerhin unternahm er nichts um die Folter zu stoppen. Carter behauptet erst mal, Dean überhaupt nicht zu kennen. Schließlich ist sein gesamtes Team so geheim, dass kaum jemand bei den Strafverfolgungsbehörden von L.A. etwas davon weiß.

    Carter reaktiviert Ty Curtis (Omari Hardwick), der sich daraufhin wieder von seinem neuen Leben als Ehemann und Eckpfeiler der Gesellschaft verabschieden muss. Er hat bereits wichtige Verbindungen in der Unterwelt, die Carter dabei helfen sollen herauszufinden, ob Dean sich tatsächlich dem Gangster-Boss Franzine (James Russo) angeschlossen hat. Ty begegnet während seiner Mission Gina wieder (Tonantzin Carmelo), mit der ihn offensichtlich mehr verbindet als nur Unterwelt-Geschäfte. Carter holt außerdem Jaimie Allen (Nicki Aycox) ins Team, eine Streifenpolizistin, die sich erfolgreich die Aufnahme in die Polizeiakademie erschwindelt hat.

    Nicki Aycox Turner Broadcasting, Inc.

    Carter kämpft im Verlauf der Geschichte nicht nur mit seinen eigenen Zweifeln an Deans Loyalität, sondern auch mit den zwei FBI-Agenten, die seinen Handlungsspielraum immer weiter einschränken wollen. Gleichzeitig durchleuchten sie seine Vergangenheit. Letztendlich gelingt es Carter und Ty Kontakt mit Dean aufzunehmen und den wahren Absichten von Franzine näher zu kommen. Am Ende steht ein lebensgefährlicher Showdown, der Deans Loyalität endgültig auf die Probe stellt und die Fähigkeiten von Carters Team strapaziert.

    „Dark Blue“ hinterlässt einen mehr als zwiespältigen Eindruck. Handwerklich ist das Ganze wirklich gut gemacht. Regie, Kameraarbeit und vor allem atmosphärische Beleuchtung in leicht schmutzigem Grau-Blau sind stimmig. Allerdings ist das auch nicht wirklich überraschend für eine neue Serie aus dem Hause Jerry Bruckheimer. Das Problem dabei: Unterm Strich braucht einfach nicht jedes neue Format diese Dauerbefilterung. Doch nach hunderten mundgerechten „C.S.I.“-Abenteuern scheinen sich nur wenige neue Ermittler-Serien tatsächlich einen anderen optischen Weg zu trauen. Aber obwohl der Look für die neue Serie eigentlich ganz gut funktioniert, ist er inzwischen zum leicht imitierbaren Klischee geworden. Nichts besonderes.

    Omari Hardwick Turner Broadcasting, Inc.

    „Dark Blue“ vereint tatsächlich mehrere Serien-Klischees unter einem Dach, ohne allerdings erfolgreich mit ihnen zu spielen oder ihnen einen neuen Stempel aufzudrücken. So kommt Carters Undercover-Team natürlich nicht ohne Computerspezialistin aus, um die man sich in einem abbruchreifen Loft scharen kann um doch noch ein bisschen High-Tech in die schmutzige Welt der Straße zu bringen. Das Verhältnis zwischen Undercover-Team und FBI-Agenten ist (natürlich) von gegenseitigen Anfeindungen geprägt und das eigentliche Ziel von Carter Shaw ist nichts Geringeres als eine bessere Welt. Ein Blick auf die Straßen von L.A. löst bei ihm folgende Reaktion aus: „Ich sehe den Typen, der seinen nächsten Schuss braucht. Ich sehe das Mädchen, das gerade auf dem Rücksitz eines Autos ihre Miete verdient hat. Ich sehe die Mutter, die ihren Sohn durch einen Gang verloren hat. Ich sehe alles, was man reparieren muss.“

    Sobald man den Fernseher nach diesem triefend pathetischen Ausbruch von Lächerlichkeit wieder trockengelegt hat sticht einem das eigentliche Problem von „Dark Blue“ ganz klar ins Auge: die Hauptfigur und ihr Darsteller. Eigentlich ist das fast schon ein Schock. Könnte der in „The Practice“ so umwerfende Dylan McDermott hier wirklich fehlbesetzt sein? Er schafft es einfach nicht Carter Shaw aus den ihm durch die Macher zugeschriebenen Klischees herauszulösen und ihm zusätzlich Charakter zu verleihen. Ein ständig verschlafener Blick, gepaart mit Dreitagebart reicht nicht um einen Anti-Helden zu kreieren. Zumal sich dessen seelische Verwundung am Ende des Piloten „lediglich“ als die Trauer um seine getötete Frau entpuppt, an die er sich, wie könnte es auch anders sein, beim Anschauen alter Home Movies im dunklen Wohnzimmer erinnert.

    Logan Marshall-Green Turner Broadcasting, Inc.

    Da fällt es nicht schwer, McDermott die Schau zu stehlen und die Nebendarsteller Logan Marshall-Green („O.C., California“) und Omari Hardwick nutzen diese Chance bravourös. Dean und Ty sind die interessantesten Figuren von „Dark Blue“ und ziehen den Zuschauer recht schnell in ihren Bann. Ty lässt kaum Zweifel an der Liebe zu seiner Ehefrau, doch welche Gefühle hat er für Gina? Diese Zerrissenheit wird mit bewundernswerter Subtilität dargestellt, was bei dem ansonsten recht plakativen Piloten wirklich überrascht. Man nimmt Ty ab, dass er lediglich seine Zeit in Carters Team absolvieren will, um später eine bessere Chance für den Start einer Karriere in der Politik zu haben.

    Dean bleibt am Schluss ein Mitglied von Carters Team, doch ganz klar ist man sich seiner Loyalität noch immer nicht. In Logan Marshall-Greens jungem, aber trotzdem zerfurchten und erschöpften Gesicht möchte man als Zuschauer noch viel länger lesen. Doch leider schenkt „Dark Blue“ McDermotts Teddybär-Blick mehr Aufmerksamkeit. Unklar ist in dieser ersten Folge außerdem, warum Carter in Jaimie einen perfekten Neuzugang für das Team sieht. Okay, sie hat ihre alte Identität verschleiert. Das wird von ihm auch nett ausgenutzt. Die Frage nach dem Beitritt zu seinem Team gerät dabei fast zur Erpressung. Später erweist sie sich als gute Schützin im überdrehten Kalaschnikow-Kugelhagel des letzten Showdowns. Doch bei einem anderen Einsatz als Bankangestellte wirkt sie komplett deplatziert – zumal der Chef der Bank seine Mitarbeiter eigentlich kennen müsste. Der Arme ist gerade dabei ein illegales Geschäft abzuwickeln, kann aber nicht erkennen, dass er bereits in seiner eigenen Bank beobachtet wird? Nicht die einzige, viel zu bequeme Lösung im Drehbuch dieser Folge.

    Dark Blue Turner Broadcasting, Inc.

    Ein weiterer Fehler der Macher ist es sicherlich, „Dark Blue“ als Serie mit wöchentlich abgeschlossenen Episoden zu konzipieren. Ich persönlich möchte sehen, auf welche Schwierigkeiten ein solches Team bei der Infiltration der Unterwelt trifft, wie man sich mühsam und langsam immer näher an die Bosse der Organisationen vorarbeiten muss und dabei so manches Risiko eingeht. Doch in 42 Minuten pro Woche ist das kaum in einem sinnvollen Umfang möglich.

    Insgesamt bleibt die Erkenntnis, dass die Undercover-Thematik um einiges eleganter in der Patrick-Swayze-Serie „The Beast“ behandelt wurde. Ob sich TNT einen Gefallen damit getan hat „Dark Blue“ zusammen mit „Leverage“ am Mittwochabend ins Quotenrennen zu schicken wird sich ebenfalls noch zeigen. Schließlich begeistert „Leverage“ Fans und Kritiker momentan ungemein. „Dark Blue“ muss im Vergleich dazu fast schon altbacken, viel zu glatt und zu klischeebeladen wirken. Andererseits traf das auch auf „Raising the Bar“ zu, das auf TNT bereits erfolgreich in die zweite Staffel gegangen ist. „The Beast“ ruht dagegen in Frieden, der Kabelsender A&E hat das Format eingestellt. Im Gegensatz zum perfekt gestylten Bruckheimer-Universum gibt es in der Fernsehwelt oft einfach keine Gerechtigkeit.

    Meine Wertung: 2,5/5

    Über den Autor

    Ralf Döbele ist Jahrgang 1981 und geriet schon in frühester Kindheit in den Bann von „Der Denver-Clan“, „Star Trek“ und „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Davon hat er sich als klassisches Fernsehkind auch bis heute nicht wieder erholt. Vor allem US-Serien aus allen sieben Jahrzehnten TV-Geschichte haben es ihm angetan. Zu Ralfs Lieblingen gehören Dramaserien wie „Friday Night Lights“ oder „The West Wing“ genauso wie die Prime Time Soaps „Melrose Place“ und „Falcon Crest“, die Comedys „I Love Lucy“ und „M*A*S*H“ oder das „Law & Order“-Franchise. Aber auch deutsche Kultserien wie „Derrick“ oder „Bella Block“ finden sich in seinem DVD-Regal, das ständig aus allen Nähten platzt. Ralf ist als freier Redakteur für fernsehserien.de tätig und kümmert sich dabei hauptsächlich um tagesaktuelle News und um Specials über die Geschichte von deutschen und amerikanischen Kultformaten.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Star Trek – Enterprise, Aktenzeichen XY … ungelöst

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