Alpha House – Review

    TV-Kritik zur Polit-Comedy mit John Goodman – von Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski
    Rezension von Marcus Kirzynowski – 12.12.2013, 12:38 Uhr

    Die Senatoren-WG: Mark Consuelos, John Goodman, Clark Johnson und Matt Malloy (v.l.n.r.)
    Die Senatoren-WG: Mark Consuelos, John Goodman, Clark Johnson und Matt Malloy (v.l.n.r.)

    2013 wird vermutlich in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem sich die Serie endgültig vom Medium Fernsehen losgelöst hat. Mit seiner ersten vollständig eigenproduzierten Serie „House of Cards“ setzte der US-amerikanische Video-on-Demand-Anbieter Netflix eine Entwicklung in Gang, die so schnell wohl nicht wieder zu stoppen sein wird. Denn natürlich wollen seine großen Konkurrenten nicht kampflos zusehen, wie Netflix für seine kreativen Bemühungen Kritikerlob, Preise und Fans einsammelt. Insbesondere Online-Gigant Amazon will auf dem lukrativen US-Markt mitmischen, wo er mit einem eigenen Streamingdienst namens Amazon Prime Instant Video vertreten ist, der bei den Abrufen gegen Netflix bisher aber eher blass aussieht. Im April stellte der Versandhändler deshalb erstmals Pilotfolgen exklusiv online, die die hauseigenen Amazon Studios produziert hatten. Die User konnten per Kommentarfunktion mit darüber entscheiden, welche Projekte anschließend in Serie gehen sollten. Als erster Gewinner ging „Alpha House“ im Herbst mit einer vollen ersten Staffel an den Start. Interessanterweise handelt es sich bei der knapp halbstündigen Comedy ebenso wie bei „House of Cards“ um eine Politserie.

    Damit enden die Gemeinsamkeiten dann aber auch (fast), denn in „Alpha House“ geht es nicht um einen bösartigen Politiker und seine Intrigen, sondern mehr oder weniger um „Menschen wie du und ich“, die eben zufällig auch noch Mitglieder des US-Senats sind. Die vier höchst unterschiedlichen Charaktere bilden während der Sitzungswochen eine Zweck-WG in Washington, D.C. Unter einem Dach in eben jenem titelgebenden Alpha House finden sich zusammen: Gil John Biggs (John Goodman), ein lethargisch und desillusioniert wirkender, aber sturer Hundefreund, der smarte Afro-Amerikaner Robert Bettencourt (Clark Johnson), ebenfalls ein Veteran im Senat, der linkisch wirkende Louis Laffer (Matt Malloy) sowie als Neuzugang der junge Frauenheld Andy Guzman (Mark Consuelos), der kubanische Wurzeln hat. Letzterer zieht in der Pilotfolge in die Hausgemeinschaft, nachdem der bisherige Mitbewohner (Bill Murray mit einem Kurzauftritt) verhaftet wird. Alle Senatoren sind Republikaner, allerdings eher vom traditionellen Flügel – Tea-Party-Fanatiker sind vorerst nicht in Sicht.

    Die ersten Folgen begleiten die vier Politprofis nun bei ihrem Tagesgeschäft zwischen Büro, Sitzungen und öffentlichen Auftritten, und natürlich bei gemeinsam auf dem Sofa vor dem Fernseher verbrachten Feierabenden. Dabei stehen weniger politische Debatten im eigentlichen Sinn im Mittelpunkt, sondern hauptsächlich das alltägliche „Klein-Klein“ des parlamentarischen Betriebs. Schaut man einmal hinter die glänzende Fassade, ist Politiker halt auch nur ein Job wie jeder andere, mit dem Unterschied, dass man sich alle paar Jahre beim Wähler wieder auf die gleiche Stelle bewerben muss.

    Nach der Arbeit chillt Gil John Biggs (John Goodman) vor dem Fernseher.
    Nach der Arbeit chillt Gil John Biggs (John Goodman) vor dem Fernseher.

    Vor wie hinter der Kamera hat Amazon für sein Serienprojekt eine bemerkenswerte Anzahl renommierter Künstler versammelt. Allen voran natürlich John Goodman, mit Rollen wie in der Sitcom „Roseanne“ oder der Kultkomödie „The Big Lebowski“ ein schon fast legendärer Komiker, der zuletzt aber auch im HBO-Drama „Treme“ brillierte. Ihm scheint die Figur des mürrischen, aber kampferprobten Senators wie auf den Leib geschrieben. Auch zwei seiner Serienkollegen kennt man aus hochwertigen HBO-Produktionen: Clark Johnson spielte einen der Lokaljournalisten in der letzten „The Wire“-Staffel, Matt Malloy den schwulen Auftraggeber von Keith in „Six Feet Under“. Hier gibt er den Verlierertypen, der im Grunde im Leben nichts hat bis auf sein zumindest formal machtvolles Amt. In der Auftaktfolge muss er sich angestrengt gegen den Verdacht der Homosexualität wehren, obwohl alles darauf hindeutet, dass er tatsächlich versteckt schwul ist. Später scheint das nicht mehr so ganz klar, interessiert er sich doch offensichtlich durchaus für die Reize von Guzmans neuer Freundin Adriana (Yara Martinez), die ständig halbnackt durch die Männer-WG läuft. Während Malloy die tragische Figur verkörpert (auch ein alleinstehender Abgeordneter ist am Ende des Tages eben nur ein einsamer Mensch), stehen Johnson und Consuelos für die strahlenden Gewinner, die wie geschaffen für die politische Bühne wirken.

    Entwickelt hat die Serie Garry Trudeau, der seit 1970 in zahlreichen US-Zeitungen in seinem Comicstrip „Doonesbury“ das politische Tagesgeschehen satirisch kommentiert und dafür als erster Comickünstler überhaupt 1975 den renommierten ‚Pulitzer‘-Preis gewann. In Deutschland ist der Comic hingegen überwiegend unveröffentlicht und entsprechend nur wenigen Insidern bekannt. 1988 schrieb Trudeau für Robert Altman die HBO-Miniserie „Tanner for President“ um einen fiktiven Präsidentschaftskandidaten und 2004 die Fortsetzung „Tanner on Tanner“. Hier schreibt spürbar jemand über den Politbetrieb, der weiß, wovon er spricht. Visuell wirkt „Alpha House“ zudem sehr hochwertig, eher vergleichbar mit Dramaserien ? la „The West Wing“ als mit gängigen Sitcoms. Dass Amazon hier geklotzt statt gekleckert hat, wird spätestens in der dritten Folge klar, wenn sich die Senatoren auf eine Besuchsreise zu den Truppen in Afghanistan begeben (unabhängig davon, ob die Außenaufnahmen wirklich im Nahen Osten gedreht wurden, wirken sie sehr aufwändig).

    Inhaltlich schafft Trudeau den Spagat zwischen angenehm intelligentem Witz und leichten Dramaelementen recht gut, auch wenn die Dialoge von der Brillanz eines Aaron Sorkin in dessen ersten „West Wing“-Staffeln weit entfernt sind. Wer diesen modernen Klassiker unter den Politserien kennt, wird übrigens den Vorteil haben, die Abkürzungen und Fachbegriffe zu verstehen, die für deutsche Zuschauer sonst sicher etwas ungewohnt wirken könnten. Den Spaß würde das aber kaum mindern. Sind die ersten Folgen auch noch weit entfernt davon, wirklich herausragend zu sein, ist „Alpha House“ doch sicher einer der stärksten Neustarts der eher schwachen TV-Comedy-Saison – auch wenn es sich streng genommen gar nicht um klassisches Fernsehen handelt.

    Dieser Text basiert auf Sichtung der ersten drei Folgen von „Alpha House“.

    Meine Wertung: 3/5

    © Alle Bilder: Amazon

    Über den Autor

    Marcus Kirzynowski

    Marcus Kirzynowski ist Düsseldorfer Journalist und Serienfreund; wuchs mit „Ein Colt für alle Fälle“, „Dallas“ und „L.A. Law“ auf; Traumarbeitgeber: Fisher & Sons, County General Notaufnahme; die Jobs auf dem Battlestar Galactica und im West Wing wären ihm hingegen zu stressig; Wunschwohnort: Cicely, Alaska. Schreibt über amerikanische und europäische TV-Serien sowie andere Kultur- und Medienthemen, u.a. für fernsehserien.de und sein eigenes Online-Magazin Fortsetzung.tv.

    Lieblingsserien: Six Feet Under, Emergency Room, The West Wing

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