Seit mehreren Monaten tobt ein erbitterter Kampf zwischen der deutschen Synchronbranche und dem Streamingriesen Netflix. Grund dafür ist das Thema Künstliche Intelligenz, das in vielerlei Hinsicht für Kontroversen sorgt. In diesem speziellen Fall geht es um eine neue Vertragsklausel von Netflix, nach der die Synchronsprecher dem Streamingdienst ihr Einverständnis erteilen sollen, ihre Stimmen für das Training von KI-Systemen zur Verfügung zu stellen. Dies wird innerhalb der Branche jedoch als existenzielle Bedrohung wahrgenommen, weshalb sich eine Vielzahl deutscher Sprecher derzeit weigert, den Vertrag zu unterschreiben und weiter für Netflix zu arbeiten. Auch nach inzwischen fast vier Monaten ist keine Einigung in Sicht. Die Fronten haben sich eher verhärtet und es sind erste Folgen des Streits zu beobachten.
Die französische Netflix-Serie „Lupin“ ist auch in Deutschland beliebt. Die Arbeiten an der vierten Staffel laufen derzeit auf Hochtouren, doch nach aktuellem Stand müssen sich die deutschen Fans wohl auf hörbare Veränderungen einstellen. Denn wie DWDL berichtet, gehören Sascha Rotermund und Anne Helm, die deutschen Stimmen der beiden Hauptdarsteller Omar Sy und Ludivine Sagnier, zu den Synchronsprechern, die die neuen Verträge von Netflix nicht unterschreiben wollen. Zwei weitere Mitglieder des deutschen „Lupin“-Sprechercasts, namentlich Gerrit Schmidt-Foß (spricht Vincent Londez) und Michael Iwannek (spricht Hervé Pierre), haben sich ihnen angeschlossen.
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Austausch der deutschen Synchronstimmen von „Lupin“ gilt als wahrscheinlich
Omar Sy in „Lupin“ Netflix
Als Konsequenz droht nun ein Austausch der Hauptstimmen für die deutsche Synchronfassung der vierten Staffel von „Lupin“. Es handelt sich um die erste prominente Serie, bei der als Folge des Sprecher-Boykotts nach aktuellem Stand mit einem Austausch des gewohnten Casts zu rechnen ist. Netflix geht dadurch das Risiko ein, Zuschauer zu verlieren. Denn insbesondere in Deutschland wurde über Jahrzehnte hinweg viel Wert auf hochwertige Synchronisationen mit professionellen Stimmen gelegt. Der Wegfall der vertrauten Synchronstimmen bzw. der akustischen Identität der Serienfiguren, ist für das deutsche Ohr ein nicht zu unterschätzender Faktor. Die Veröffentlichung der neuen „Lupin“-Folgen ist für Herbst geplant, doch der Netflix-Boykott der etablierten Synchronsprecher könnte zu Verzögerungen führen.
Erste Auswirkungen des KI-Streits zwischen Netflix und den Synchronsprechern zeigte sich bereits in weniger wichtigen Serien. So wurde zur brasilianischen Miniserie „Nuklearer Notfall“ die deutsche Synchronfassung erst mit einigen Wochen Verzögerung nachgereicht. Und bei der jüngst erschienenen Spin-Off-Animationsserie „Stranger Things: Tales from ’85“ wurden die deutschen Stimmen von Hopper (Peter Flechtner) und Eleven (Carlotta Pahl) kurzerhand durch andere Sprecher ersetzt.
„Stranger Things: Tales from ’85“ Netflix
Synchronsprecher befürchten Gefährdung ihrer Existenzgrundlage
Wie es nun insgesamt weitergeht, ist derzeit völlig offen. Für großen Unmut sorgt unter den Sprechern, die Netflix derzeit boykottieren, dass die Nutzung ihrer Sprachaufnahmen zum Training von Algorithmen nicht separat vergütet werden soll. Eine Bezahlung ist laut der umstrittenen Vertragsklausel erst vorgesehen, wenn die KI tatsächlich für die Erstellung einer finalen Synchronfassung eingesetzt wird. Aus Sicht der Berufsverbände – insbesondere des Verbands Deutscher Sprecher:innen (VDS) – sei das nicht hinnehmbar. Die Sprecher kritisieren, dass sie durch das unbezahlte Training ihrer eigenen digitalen Stimmen langfristig ihre berufliche Existenz gefährden würden. Zahlreiche VDS-Mitglieder verweigern daher momentan die Mitarbeit an der Synchronisation neuer Netflix-Produktionen.
Verkompliziert wird die Angelegenheit noch durch den Umstand, dass unter den Sprecher-Verbänden Uneinigkeit herrscht. Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) hat nämlich bereits im vergangenen Sommer Kompromisse mit Netflix ausgehandelt, um zumindest Mindeststandards für den KI-Einsatz festzuschreiben. Nach Auffassung des BFFS sei der Einsatz von KI in der Film- und Synchronproduktion längst Realität – und wer die Verträge nicht unterschreibe, laufe Gefahr, umbesetzt zu werden. Der VDS hingegen sieht darin einen schleichenden Prozess der Selbstabschaffung des Berufsstandes und reichte inzwischen offiziell eine Datenschutzbeschwerde gegen Netflix ein. Dadurch wird die umstrittene Vertragspraxis nun erstmals von einer staatlichen Aufsichtsbehörde geprüft.
Zahlreiche prominente Sprecher schlossen sich Boykott an
Wie DWDL berichtet, gehören zu weiteren bekannten Sprechern, die sich dem Boykott angeschlossen haben, Santiago Ziesmer (Steve Buscemi), Matti Klemm (Jason Momoa), Tobias Kluckert (Gerard Butler), Ranja Bonalana (Rosamund Pike), Markus Pfeiffer (Sacha Baron Cohen) und Natascha Geisler (Jennifer Lopez). Es gibt jedoch auch prominente Sprecher, die, basierend auf der BFFS-Einigung, weiterhin mit Netflix zusammenarbeiten wollen. Zu ihnen gehören unter anderem Ricardo Richter (Josh Hutcherson), Ilona Brokowski (Kelly Sheridan), Uschi Hugo (Rebel Wilson) und Marcus Off (Johnny Depp).
Sollte der Sprecher-Boykott gegenüber Netflix noch lange anhalten, könnte dies weitreichende Folgen haben. Konkret könnte dann passieren, dass mehrere Filme und Serien des Streamingdienstes künftig ohne deutsche Synchronisation erscheinen. Der Streamingdienst droht regelrecht damit, dass deutsche Nutzer künftig verstärkt mit Untertitel-Fassungen vorliebnehmen müssen, sollte die Synchronisation durch den Arbeitskampf zu teuer oder organisatorisch zu hürdenreich werden.
Hier kommen ja zwei Dinge zusammen. Einerseits kann man Entwicklungen nicht aufhalten. Kutscher haben gegen das Auto gewettert, Theaterbetreiber gegen den Film und die Stummfilm-Livemusiker gegen den Tonfilm. Dennoch hat sich das alles am Ende durchgesetzt. Das perfide hier ist, dass man von denen die mittelfristig wohl obsolet sein werden, auch noch erwartet das zu unterstützen. Das ist wirklich dreist, wirklich frech.