Jörg Draeger: „Außer ‚Geh aufs Ganze!‘ funktioniert eigentlich gar nichts mehr“

    Interview über Gameshow-Comeback, Retro-Trend und Entwicklung des Unterhaltungsfernsehens

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 05.07.2022, 11:30 Uhr

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    Jörg Draeger – auch mit 76 Jahren noch fit wie eh und je Sat.1/​Marc Rehbeck

    fernsehserien.de: Ich war bei einer der Aufzeichnungen des „Geh aufs Ganze!“-Revivals im letzten Jahr dabei – und in der Tat empfand ich die häufigen Unterbrechungen durch den Regisseur auf Dauer sehr störend und nicht förderlich für den Spielfluss.

    Jörg Draeger: Richtig, denn das Ding ist: Wenn ich mit einem Kandidaten anfange zu spielen, weiß ich vorher nicht, ob ich ihn gewinnen lassen möchte. Es kann auch sein, dass ich merke, dass er mit dem jeweiligen Spiel nicht klarkommt. Mit den mir vorhandenen Mitteln kann ich das Spiel aber mitten im Rennen ändern, es verkürzen, verlängern oder anders spielen. Das geht aber nur, wenn man auch als Regisseur ein Gespür dafür hat und mich eben nicht während des Spiels unterbricht und mich aus dem Spielrhythmus raushaut, sondern er sich denkt: „Das haben wir jetzt zwar nicht auf dem Zettel, was der Draeger da gerade macht, aber der wird schon wissen, was er tut.“ Dazu braucht es aber auf beiden Seiten ein tiefes Vertrauen.

    Ein anderer Kritikpunkt am Revival war, dass die Show mit brutto 135 Minuten inklusive zahlreicher Werbeunterbrechungen schlichtweg zu lang war. Obendrein wurden die Werbepausen teilweise knallhart mitten in ein laufendes Spiel gesetzt.

    Jörg Draeger: Ja, die Werbeinseln sind schon heftig lang. Aber das zeigt auch, wie viel wir wert sind, und ohne wäre ein solches Format auch nicht zu bezahlen.

    Trotz allem war das Comeback erfreulicherweise ein großer Erfolg. Haben Sie damit gerechnet oder hatten Sie Bedenken, dass es eventuell auch ein großer Flop werden könnte?

    Jörg Draeger: Damit gerechnet habe ich nicht. Ich hatte schon im Hinterkopf, dass es auch den Bach runtergehen könnte. Allerdings – und das ist vielleicht der Vorteil des Alters: Die Quote ist mir zwar nicht scheißegal, aber ich stehe nicht mehr wie ein zitterndes Etwas da und fürchte mich nicht vor der drohenden Einschaltquote. Nur wenn Harry jetzt mit „Der Preis ist heiß“ ’ne höhere Quote hat als ich, bin ich natürlich sauer [lacht]! Das ist übrigens auch ein Unterschied zu früher: Es war damals nicht so verbissen. Natürlich kam es auf die Quote und jeden Pfennig an, aber in allererster Linie war entscheidend, dass man untereinander Spaß hatte und jeder wusste: Das ist mein Baby! Auf der anderen Seite muss ich aber ehrlich sagen: So viel tollen Zuspruch und so viel geile Presse habe ich mein ganzes Leben noch nie gehabt! Werde ich auch nie wieder haben, selbst wenn es weitergeht. Ich kann jetzt jederzeit sagen: Leute, wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören.

    Jörg Draeger in seinem Element Sat.1/​Frank Hempel

    Ende der 1990er verschwanden die täglichen Gameshows allmählich aus dem deutschen Fernsehen, auch mit „Geh aufs Ganze!“ war es 1997 zunächst vorbei. Wie weit im Voraus wussten Sie vom bevorstehende Ende der Sat.1-Ära Bescheid?

    Jörg Draeger: In meinem Fall war das speziell: Ich kam aus dem Urlaub zurück und erfuhr, dass ich weg bin. Herr Hörig hat das Ding übernommen und die Quote ge-hörig runtergefahren. Dann wollten sie mich wiederhaben, aber ich habe auf breite Schultern gemacht und gesagt: „Dann will ich jetzt zumindest auch ein Zimmer für meinen Hund haben“ [lacht]. Ein anderer Grund für meinen Abschied waren die sogenannten „Must“-Preise. Es gab also zum Beispiel einen Sponsor von – sagen wir mal – einem Baguette, der gesagt hat: Wenn ihr das Tor voller Baguettes – gewonnen oder nicht gewonnen – zehn Mal gezeigt habt, dann gebe ich ein Auto frei. Und das ist mit mehreren Produkten so gewesen, so dass man am Ende gar nicht mehr wusste, was man eigentlich machen darf. Es gab auch sogenannte „Scheiß-Preise“, wie das berühmte Bügelbrett, die gewonnen werden mussten. Die „Must“-Preise haben immer mehr zugenommen, so dass sich die Wege von Sat.1 und mir letztendlich getrennt haben. Wir sind nicht als Feinde geschieden, aber ein bisschen blöd war es.

    Glücklicherweise ging es dann ja wenig später mit „Geh aufs Ganze!“ noch mal bei Kabel 1 weiter.

    Jörg Draeger: Genau, zuerst bei Kabel 1, dann bei 9Live und am Ende bei Family TV, worüber wir nicht mehr reden müssen [lacht].

    Jörg Draeger wurde am 2. Juli bei der Goldenen Sonne in der Kategorie Game ausgezeichnet (rechts im Bild: Gameshow-Kollege Werner Schulze-Erdel) Max-Josef Kuchler/​sonnenklar.TV

    Es hat sich in den vergangenen 20 Jahren im Fernsehen so einiges verändert. Wie beurteilen Sie allgemein die Entwicklung von Unterhaltungsshows in Deutschland?

    Jörg Draeger: In Unterhaltungsformaten ist es heute manchmal so wie bei Autos: Von hinten sehen die alle gleich aus. Du kannst nicht mehr so richtig unterscheiden, welche Sendung auf welchem Sender mit welchem Moderator gerade läuft. Alle sind offenbar durch die gleiche Waschanlage und den gleichen Windkanal gegangen. Das war früher noch etwas anders, lag aber auch daran, dass es weniger Formate dieser Art gab. Und die, die es gab, haben sich ein eigenes Gesicht geschaffen, sowohl durch das Format als auch die Kollegen, die sie präsentiert haben.

    Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Zeit beim Fernsehen bereuen bzw. nicht noch einmal machen würden?

    Jörg Draeger: Den Versuch von RTL Nitro mit „Tutti Frutti“ hätte ich mir sparen können. Das sollte eine Hommage an die damalige Show werden mit der Option: Wenn die Sendung gelingt, könnte man wieder in Serie gehen. Aber es war von Anfang an alles furchtbar, billig und schlecht. Die eingespielten Clips aus den alten Sendungen waren die Bringer. Aber alles, was wir da gemacht haben, war einfach nur scheiße. Ich wäre am liebsten einfach gegangen. Nur sobald man mit drin hängt, muss man da auch durch. Der Schauspieler an meiner Seite hat um sein Leben gebangt. Die Deckenhöhe in der Disco, in der wir das gedreht haben, war so niedrig, dass das Tutti-Frutti-Ballett nicht richtig tanzen konnte. Es war wirklich einfach nur grauenhaft.

    Ich erinnere mich dunkel an diese Sendung, die „zum Glück“ nicht allzu viele Menschen gesehen haben. Wie sieht es eigentlich mit Ihrem eigenen TV-Konsum aus? Schauen Sie selbst noch viel fern? Können Sie nachvollziehen, dass sich viele Zuschauer vom Fernsehen abgewendet haben und zu Streamingdiensten abgewandert sind?

    Jörg Draeger: Es gab ’ne Phase, in der ich mich geschämt habe, auf diese Frage ehrlich zu antworten und zuzugeben, dass ich auch bei Netflix und Co. bin. Aber inzwischen sage ich: Ja, warum auch nicht? Eine meiner Lieblingsserien war und ist „Outlander“. Wenn man so etwas Großartiges sieht, braucht man wirklich kaum noch normales Fernsehen.

    Jörg Draeger mit seiner Frau Petra auf der Gala der „Goldenen Sonne Spezial“ Max-Josef Kuchler/​sonnenklar.TV

    Gibt es dennoch etwas, das Ihnen aus dem linearen Fernsehen so richtig gut gefällt?

    Jörg Draeger: Ja, ich finde „All Together Now“ richtig grandios und verstehe einfach nicht, warum das quotenmäßig nicht in die Hufe kommt. Ich finde das dermaßen unterhaltsam! Du musst kein Musikexperte sein, die Leute werden nicht zerlegt und es wird auch nicht wie bei „Let’s Dance“ alles mit dem Maßband nachgemessen, sondern die ganze Bude rockt, singt und ist lustig. Diese Show hätte wirklich mehr Erfolg verdient und ich hoffe, dass es eine zweite Staffel geben wird.

    Ich befürchte, bei einer unbekannten Show mit einem neuen Titel ist der Impuls einzuschalten mittlerweile viel geringer, weil die Zuschauer nicht wissen, was sie dort erwartet, und lieber Sendungen sehen, die ihnen vertraut sind. Vermutlich bringen die Sender auch deshalb gerade so viele bekannte Shows zurück, um alte Zuschauer zurückzugewinnen. Jüngst wurde bekannt, dass RTL Zwei sich „Das Glücksrad“ gesichert hat und den Klassiker mit dem neuen Moderationsduo Thomas Hermanns und Sonya Kraus neu auflegt. Was halten Sie davon?

    Jörg Draeger: Ich bin enttäuscht davon, dass sich Sat.1 das „Glücksrad“ hat wegnehmen lassen und bin auch noch etwas skeptisch, dass RTL Zwei das richtig auf die Beine gestellt bekommt. Denn im Prinzip bleibt ihnen jetzt gar nichts anderes übrig, als das genau so groß aufzuziehen wie „Der Preis ist heiß“ und „Geh aufs Ganze!“. Sonya Kraus finde ich eine perfekte Besetzung dafür, sie war ja auch schon mal dabei. Wenn allerdings stimmt, was so zu lesen war, dass Maren Gilzer erst angefragt wurde und ihr dann wenige Wochen später ohne Begründung wieder abgesagt wurde, wäre das ein Unding, aber leider auch typisch für die Branche. Sie ist und bleibt die Original-Buchstabenfee. Thomas Hermanns habe ich ein paar Mal live erlebt und finde ihn als Typ einfach genial. Aber auch da habe ich null Verständnis dafür, dass man Frederic Meisner einfach übergangen hat. Denn er gehört ja wie Harry und ich auch in die gleiche Riege der Gameshow-Moderatoren, die sich noch gut gehalten hat. Aus kollegialen Gründen wünsche ich Sonya Kraus und Thomas Hermanns natürlich viel Glück, aber dass Frederic nicht dabei ist, halte ich für einen großen Fehler.

    Im Herbst heißt es in Sat.1 wieder „Geh aufs Ganze!“ Sat.1/​Frank Hempel

    Abgesehen von den Gameshows erleben wir gerade eine große Retrowelle. „Wetten, dass..?“, „TV total“ und sogar „7 Tage, 7 Köpfe“ sind wieder da. Was sagt dieser Trend über das Fernsehen aus?

    Jörg Draeger: Naja, armes Fernsehen, oder? Aber ich will mir jetzt natürlich nicht selbst ein Bein stellen, indem ich sage: Es wäre nicht nötig gewesen, dass ihr mich noch mal geholt habt [lacht]! Herr Rosemann war mit Sat.1 Vorreiter und hat als Erster die richtige Entscheidung getroffen. Mit der ersten Folge von „Geh aufs Ganze!“ hatten wir mit 17 Prozent eine Quote, von der Sat.1 in den letzten Jahren oft nur träumen konnte. Dass man dann bei RTL sagt: Okay, jetzt versuchen wir es auch noch mal mit „Der Preis ist heiß“, ist ganz logisch. Aber so langsam hat man den Eindruck, dass wirklich alles noch einmal aus der Kiste geholt wird. Ohne Namen zu nennen: Bei vielen Neuauflagen hat es dann nicht nur nicht funktioniert, sondern war geradezu katastrophal – sowohl für den Sender als auch für die Kollegen, die sich das am nächsten Morgen bescheinigen lassen mussten, obwohl so viele Hoffnungen reingesteckt wurden.

    Gibt es denn noch eine Sendung, die Ihrer Meinung nach neu aufgelegt werden sollte?

    Jörg Draeger: Nein, denn ohne überheblich klingen zu wollen: Außer „Geh aufs Ganze!“ funktioniert eigentlich gar nichts mehr [lacht]! Na gut, sagen wir außer „Geh aufs Ganze!“, „Glücksrad“ und „Der Preis ist heiß“.

    Vielen Dank für das sympathische und interessante Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

    Anlässlich des 30. Geburtstags von „Geh aufs Ganze!“ haben wir Anfang des Jahres einen umfangreichen Rückblick auf die Show veröffentlicht:

    Prosit, „Geh aufs Ganze!“! 30 Jahre Zocken, bis der Zonk kommt

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    Über den Autor

    Glenn Riedmeier ist Jahrgang ’85 und gehört zu der Generation, die in ihrer Kindheit am Wochenende früh aufgestanden ist, um stundenlang die Cartoonblöcke der Privatsender zu gucken. „Bim Bam Bino“, „Vampy“ und der „Li-La-Launebär“ waren ständige Begleiter zwischen den „Schlümpfen“, „Familie Feuerstein“ und „Bugs Bunny“. Die Leidenschaft für animierte Serien ist bis heute erhalten geblieben, zusätzlich begeistert er sich für Gameshows wie z.B. „Ruck Zuck“ oder „Kaum zu glauben!“. Auch für Realityshows wie den Klassiker „Big Brother“ hat er eine Ader, doch am meisten schlägt sein Herz für Comedyformate wie „Die Harald Schmidt Show“ und „PussyTerror TV“, hält diesbezüglich aber auch die Augen in Österreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten offen. Im Serienbereich begeistern ihn Sitcomklassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Roseanne“, aber auch schräge Mysteryserien wie „Twin Peaks“ und „Orphan Black“. Seit Anfang 2013 ist er bei fernsehserien.de vorrangig für den nationalen Bereich zuständig und schreibt News und TV-Kritiken, führt Interviews und veröffentlicht Specials.

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Roseanne, Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1977) am

      @ Glenn Riedmeier dem Autor. Es waren Zeichentrickserien und keine "Cartoonblöcke"!

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