Jörg Draeger: „Außer ‚Geh aufs Ganze!‘ funktioniert eigentlich gar nichts mehr“

    Interview über Gameshow-Comeback, Retro-Trend und Entwicklung des Unterhaltungsfernsehens

    Glenn Riedmeier
    Glenn Riedmeier – 05.07.2022, 11:30 Uhr

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    Jörg Draeger und der Zonk – Bild: Sat.1/Marc Rehbeck
    Jörg Draeger und der Zonk

    Jörg Draeger zählt zweifelsohne zu den größten Gameshow-Legenden Deutschlands. Von 1992 bis 2003 moderierte er rund 2000 Mal „Geh aufs Ganze!“, die deutsche Adaption des US-Formats „Let’s Make a Deal“. Nach einer 18-jährigen Pause legte Sat.1 die Kult-Gameshow mit Jörg Draeger Ende 2021 neu auf.

    fernsehserien.de-Redakteur Glenn Riedmeier sprach mit dem auf der Gala zu 40 Jahren Privatfernsehen von sonnenklar.TV frisch mit einer „Goldenen Sonne“ ausgezeichneten Moderator über den grassierenden Retro-Trend im deutschen Fernsehen. Außerdem erläutert Draeger, ob er mit einem Erfolg des „Geh aufs Ganze!“-Comebacks gerechnet hat, was er sich für die kommenden Folgen wünscht – und ob er sich vorstellen könnte, auch wieder eine tägliche Vorabend-Version zu präsentieren.

    fernsehserien.de: Lieber Herr Draeger, wenn man mit Menschen redet, die die Frühphase des deutschen Privatfernsehens mitgeprägt haben, fallen sehr schnell Begriffe wie Goldgräberstimmung oder goldenes TV-Zeitalter. Was war damals so anders als heutzutage?

    Jörg Draeger: Jetzt kommt natürlich genau das Ding, bei dem ich immer gedacht habe: „Da stimmt doch was nicht“, wenn mein Vater oder Großvater von früher erzählt haben. Man müsste es differenzierter betrachten, aber das würde jetzt zu lange dauern. Als Schlagzeile würde ich tatsächlich sagen: Früher war wirklich alles besser [lacht]! Schon allein aus dem Grund, weil damals mehr Handarbeit im Spiel war. Das ist heute ganz anders. Beim Revival von „Geh aufs Ganze!“ kann ich keinen Schritt mehr machen, der nicht vorher abgesprochen ist.

    Sie würden also sagen, dass es früher mehr Freiheiten bei der Produktion gab?

    Jörg Draeger: Ich kann ja nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten und da war das definitiv der Fall. Früher bin ich durchs Studio gelaufen, weil ich wusste und mir erlaubt habe: Da, wo ich bin, ist die Kamera – und es hat funktioniert. Wir waren damals 70 Kollegen und – was man sich gar nicht mehr vorstellen kann – wir haben alle an ein und demselben Produkt gemeinsam mit einem Herz gearbeitet. Bis zum Kabelträger waren alle damit verschmolzen. Wenn ich die Augenbraue hochgezogen habe, wusste die Regie: „Jetzt tobt er wieder durch die Gegend“ und hat mich irgendwie eingefangen [lacht]. Heute werden die Kollegen von einer Produktion zur nächsten „gejagt“, da verlierst du das Alleinstellungsmerkmal und entwickelst eine Art „Krankenschwestersyndrom“. Das heißt, du kannst dich nicht mehr – selbst wenn du willst – zu 100 Prozent um einen Patienten kümmern. Jetzt, vor der zweiten Staffel, haben wir bei Sat.1 einen historischen Kompromiss gefunden.

    Absolut, in den „Geh aufs Ganze!“-Sendungen aus den 1990ern hat man auch als Zuschauer gespürt, wie alle Beteiligten dafür brennen, und der Spaß hat sich durch die Fernsehbildschirme ins Wohnzimmer übertragen. Ich ärgere mich darüber, dass Sat.1 erst jetzt die Show zurückgeholt hat. Denn auf die Idee hätte man auch schon vor zehn Jahren kommen können.

    Jörg Draeger: Das stimmt, nur wie hätte ich Sat.1 damals davon überzeugen können [lacht]? Ausgelöst wurde das Comeback ja letztendlich durch meinen Aufenthalt bei „Promi Big Brother“, genauer gesagt durch die Startsendung. Als Marlene mir plötzlich ein Sakko gab und sagte: „Spiel mal ’ne Runde!“ Das hat der Sat.1-Chef Daniel Rosemann gesehen und gesagt: „Ich glaube, wir machen das nochmal.“

    Die Geburtsstunde des Comebacks: Jörg Draeger zockte vor seinem Einzug bei „Promi Big Brother“ im Studio. Sat.1/​Willi Weber

    Das Revival wurde ein großer Erfolg. Die drei Primetime-Ausgaben liefen Ende 2021 – seitdem ist schon wieder ein halbes Jahr ins Land gezogen und die Fans warten sehnsüchtig auf die Fortsetzung, die allerdings erst im Herbst kommen wird.

    Jörg Draeger: Sat.1 darf einfach den Rückenwind nicht verpuffen lassen, den die gigantischen Quoten der ersten Staffel ausgelöst haben. Das waren wirklich die geilsten Quoten, die Sat.1 seit langem hatte. Aus meiner Sicht wäre jetzt ein „Six-Pack“ das Richtige – oder auch eine Daily in der Zukunftsplanung „Volles Haus!“. Für meinen Geschmack ist „Geh aufs Ganze!“ letztendlich keine Sendung für den Abend und schon gar nicht 95 Minuten lang. Für 30 oder 35 Minuten am Vorabend ist das Format perfekt.

    Genau das wünschen sich auch viele treue Fans. Würden Sie sich denn für eine tägliche Vorabendversion mit Ihren stolzen 76 Jahren zur Verfügung stellen?

    Jörg Draeger: Das ist eine Frage, die mir auch meine Frau gestellt hat [lacht]! Denn eines ist klar: Da lässt man schon Blut. Aber trotzdem, bei mir ist das wirklich so: Nach meiner Frau und meinen Kindern kommen der Zonk und „Geh aufs Ganze!“. Wenn ich wieder so spielen darf, wie von der Leine losgelassen, wie ich es auch heute noch häufig bei Events und Galas mache, bin ich einfach glücklich.

    Dementsprechend würden Sie sich von Sat.1 wünschen, bei den nächsten „Geh aufs Ganze!“-Folgen wieder mehr von der Leine gelassen zu werden?

    Jörg Draeger: Es wird immer wohlbegründet, weshalb man mich ein bisschen an die Leine nimmt, ohne mich dabei bevormunden zu wollen. Trotzdem ist man durch diesen Ansatz einfach in seinem Radius eingeengt. An die Leine genommen zu werden oder auch ein Knopf im Ohr sind genau das, was „Geh aufs Ganze!“ die Kehle durchschneidet, den Charme nimmt und seine Einzigartigkeit. Wir haben damals auch nicht wie die wilden Teufel an der Sendung herumgeschnitten, weil wir uns alle einig waren: Ob ich stolpere oder mich verspreche – das sind doch für die Zuschauer alles nachvollziehbare Dinge, die eher zu einem Lacher führen, als dass sie störend sind. Eine Gameshow muss lebendig und nicht aseptisch clean sein.

    Jörg Draeger und der Zonk feierten im November 2021 ein furioses Comeback. Sat.1/​Frank Hempel

    Wahre Worte. Drei weitere Primetime-Ausgaben sind ja bereits bestätigt, die im Verlauf des Jahres kommen sollen. Gibt es bezüglich der Spiele und des Ablaufs Dinge, die verändert bzw. optimiert werden sollten?

    Jörg Draeger: In den drei Sendungen vom letzten Jahr gab es immer irgendein Spiel, das mir nicht lag oder in der Probe nicht funktioniert hat. Man muss aber auch dazu sagen, dass wir für die erste Staffel nur schlappe fünf, sechs Wochen Zeit hatten, um alles auf die Beine stellen. Am Anfang hatten wir weder Preise noch Spiele und auch das Studio war noch nicht da. Zudem musste man mich und die Redaktion auf einen gemeinsamen Nenner bringen, denn da sind zwei Welten aufeinandergeprallt [lacht]! Im Großen und Ganzen hat es am Ende aber funktioniert und wir fangen jetzt an, die Spiele für die nächsten Shows zu konzipieren. Beim Ablauf ist für mich das Entscheidende: Wenn ich mich nicht erbreche oder mir beide Beine gleichzeitig breche, darf es keine Unterbrechungen geben.

    Wie sähe also Ihre Wunschvorstellung von „Geh aufs Ganze!“ aus?

    Jörg Draeger: Meine Wunschvorstellung wäre: „Und hier ist…“ und schon geht’s los. Verschiedene Spielsituationen, verschiedene Spieltische, wechselnde Anzahl von Kandidaten, mal episch länger, mal blitzschnell. Die Auswahl der Kandidaten nicht über zusätzliche Spiele, sondern über Augenschein: „Versuchung, Verführung, Erlösung oder Verdammnis.“ Magic und „kis“ sind die Zauberworte des geistigen Vaters von „Geh aufs Ganze!“: Tony Grooner. Nach ihm war ich der „magician“ und meine Spielweise „kis“, keep it simple. Daran hat sich bis heute (eigentlich) nichts geändert. Die große Kunst der „Neuzeit“ war, ist und wird immer sein: Was ist der richtige Proporz zwischen dem vergangenen Nostalgischen und dem „Neuzeitlichen“? Meine persönliche Einschätzung: 80 zu 20. Daniel Boschmann sozusagen als Co-Moderator zu etablieren setzt voraus, dass wir uns mehr als nur flüchtig kennen und leider fehlte es bislang an freier Zeit. Daher bleibt die Frage, ob es uns gelingen wird, wie ein fürs „GaG“-Leben geborenes Duo zu agieren. Bleibt die Frage, ist aber das Ziel.

    Auf der nächsten Seite verrät Jörg Draeger, ob er mit einem Erfolg des „Geh aufs Ganze!“-Comebacks gerechnet hat, was er von der angekündigten Neuauflage des „Glücksrads“ hält und wie er allgemein den Retro-Trend im deutschen Fernsehen bewertet.

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