Im Rausch der Macht Als Barack Obama nach seinem Amtsantritt die Türkei 2009 als erstes Ziel für einen Staatsbesuch auswählt, steht Recep Tayyip Erdoğan auf dem Höhepunkt seines internationalen Ansehens. Er gilt jetzt als Brückenbauer zwischen Islam und Demokratie. Beim Arabischen Frühling lässt er sich in Kairo wie ein Heilsbringer feiern. Ein Moment, der ihm – so Beobachter – „den Kopf verdreht“. Weggefährten berichten, Erdoğan sei „ein anderer geworden“, getrieben von dem Gefühl: „Es gibt niemanden, der größer ist als wir.“ Erdoğan entpuppt sich als Machtpolitiker, der keine Grenzen mehr akzeptiert.
Er beschwört eine „neue Türkei“, orientiert am Erbe des Osmanischen Reichs, und treibt das Land auf einen religiös geprägten Kurs. Als
Hunderttausende dagegen bei den Gezi-Protesten 2013 aufbegehren, duldet Erdoğan keine Kritik. Er sieht die Demonstranten nicht als Bürger, sondern als Feinde. Der Konflikt spaltet das Land – und trifft ihn persönlich: „Das war der größte Schock seiner bisherigen Karriere – denn damit hat er nicht gerechnet“, erinnert sich der damalige WELT-Korrespondent Deniz Yücel.
Trotz immer neuer Skandale baut Erdoğan seine Macht weiter aus. 2014 lässt er sich zum Präsidenten wählen, inszeniert sich auch im Ausland als Stimme der Türken und lässt sich einen gigantischen Präsidentenpalast bauen – gegen alle Widerstände. Sein Ziel ist klar: mehr Macht, ein neues System, eine Türkei nach seinen Regeln. Doch im Verborgenen formiert sich Widerstand. Für Erdoğan unsichtbar – aber entschlossen, ihn zu stürzen. (Text: WDR)
Deutsche TV-PremiereSo. 28.06.2026WDRDeutsche Streaming-PremiereMo. 29.06.2026ARD Mediathek