Im Westerngenre gehörte das Rachemotiv schon immer dazu. In dieser von der Kritik gefeierten Miniserie sucht der verletzte Outlaw Roy Goode (Jack O’Connell) in einer Kleinstadt Zuflucht, die fast ausschließlich von Frauen bewohnt wird. Ihm auf den Fersen ist sein Mentor Frank Griffin (Jeff Daniels), der Anführer einer plündernd durch die Lande ziehenden Bande. Bestrafen will Griffin seinen früheren Schützling nicht nur für den Diebstahl einer Beute, sondern auch dafür, dass der junge Mann, den er als eine Art Sohn ansieht, die Gang, also die „Familie“, einfach verlassen hat. Bemerkenswert ist die Netflix-Produktion sicherlich, weil sie das gemeinhin von Männern dominierte Westerngenre um eine mit vielen Frauenfiguren gespickte Erzählung ergänzt. Zu den absoluten Highlights von „Godless“ zählt aber auch der von Jeff Daniels mit Verve interpretierte Bösewicht, für den der US-Darsteller einen Emmy entgegennehmen durfte.
Rachegeschichten müssen nicht immer in Mord und Totschlag münden. Spannung lässt sich auch auf unblutige Weise erzeugen. Bestes Beispiel ist das britische Thriller-Drama „Doctor Foster“, das hierzulande aktuell nur auf Blu-ray und DVD zur Verfügung steht. „Vigil“-Star Suranne Jones spielt in der von der Medea-Geschichte aus der griechischen Mythologie inspirierten BBC-Produktion die Ärztin Gemma Foster, die in der ersten Staffel von der Affäre ihres Mannes erfährt und irgendwann beschließt, seinen Ruf komplett zu ruinieren. Hat man einerseits Verständnis für ihre Frustration, ist es andererseits erschreckend, wie weit sie in ihrem Verhalten geht. In der Konsequenz entfremdet sie sich von diversen Menschen in ihrem Umfeld. Ende Februar 2026 wurde bekannt, dass neun Jahre nach der zweiten Staffel an einer dritten und finalen Runde gearbeitet wird.
Offizieller Trailer zur ersten Staffel von „Doctor Foster“ (deutsche Fassung)
Unnachgiebige Racheaktionen sind das Salz in der schmackhaften Fantasy-Suppe namens „Game of Thrones“. Hervorstechend ist dabei zweifellos die aus einer adeligen Familie stammende Arya Stark (Maisie Williams), die eine Todesliste führt. Auf dieser befinden sich all jene Personen, die ihr oder ihrer Sippe großes Leid zugefügt haben. Als Aryas spektakulärster Rundumschlag erweist sich ihre Antwort auf die sogenannte Rote Hochzeit. Die Redewendung „Rache ist Blutwurst“ ist bei Starks kompromissloser Vergeltungskampagne quasi wortwörtlich zu nehmen.
Platz 2: Billy Butcher aus „The Boys“ (2019–2026)
Wohl nur wenige Serienfiguren verkörpern zügellosen Rachedurst und das Zerstörungspotenzial von Vergeltungsplänen deutlicher als Billy Butcher (Karl Urban) aus der nihilistisch-schonungslosen Comicadaption „The Boys“. In einer Welt, in der Superhelden als Markenprodukte eines großen Konzerns auftreten und ihre Macht mitunter drastisch missbrauchen, kämpft dieser Mann mit der titelgebenden Vigilantentruppe gegen die vermeintlichen Heilsbringer und will sie schließlich komplett auslöschen. Der Ursprung für sein zunehmend wahnhaftes Unterfangen: Billy glaubt, Homelander (Antony Starr), der Anführer der sieben mächtigsten Superhelden, habe Butchers Ehefrau Becca (Shantel VanSanten) ermordet.
Platz 1: Moon Dong-eun aus „The Glory“ (2022–2023)
Fiktionale Erzählungen über Mobbing-Opfer, die sich an ihren Peinigern rächen wollen, gibt es nicht gerade wenige. Dass man aus diesem Standardplot allerdings nach wie vor enorme Intensität und emotionale Tiefe ziehen kann, beweist die südkoreanische Netflix-Serie „The Glory“. Die in ihrer Schulzeit massiv schikanierte und körperlich misshandelte Moon Dong-eun (Song Hye-kyo) tritt darin eine Stelle als Klassenlehrerin an und bringt einen ausgeklügelten Vergeltungsplan ins Rollen. Von Emotionen lässt sich diese traumatisierte Frau nicht übermannen. Vielmehr geht sie ihre Rache wie eine Partie des asiatischen Strategiespiels Go an. Will heißen: Geduldig bereitet sie ihre Züge vor und wickelt die Menschen, die sie so schwer verletzt haben, langsam ein. Wie tief der Schmerz der Erfahrungen sitzt, zeigt sich auch daran, dass sie kaum engere Bindungen eingehen kann.
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.