Persons Unknown – Review

    von Ralf Döbele

    Ralf Döbele
    Rezension von Ralf Döbele – 26.06.2010

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    Persons Unknown
    Es war einmal eine kultige „Twilight Zone“-Episode aus dem Jahr 1964. Darin wachen Bob und Millie Frazier (Barry Nelson & Nancy Malone) nach einer durchzechten Nacht in einer vollkommen leeren Stadt auf: keine Einwohner, kein funktionierendes Auto und kein Entkommen. Während sich das Ehepaar leicht hysterisch von einem Fluchtversuch zum nächsten hangelt, hören sie immer wieder ein unheimliches, kindliches Lachen. Offensichtlich werden die beiden von irgendjemandem beobachtet. Nach 25 Minuten hatten die Zuschauer die Lösung des Rätsels, präsentiert von „Twilight Zone“-Erfinder Rod Serling persönlich. Nur soviel: Ein Happy End gab es für Bob und Millie nicht.

    46 Jahre später schickt NBC gleich sieben Fremde in eine ebenso leere Stadt, die noch stärker einer billigen, improvisierten Pappfassade gleicht, als im schwarz-weißen Fernsehklassiker. Auch unsere verzweifelten Sieben werden beobachtet. Hinter dunklen, durchsichtigen Kugeln verbergen sich die elektronischen Augen des großen Bruders, durch die auch wir als Zuschauer öfter das Geschehen verfolgen können. Warum sind sie hier? Was will man von ihnen? Ist jeder Fluchtversuch zum Scheitern verurteilt? Warum sollte man bei jedem Spruch aus einem Glückskeks das Kleingedruckte lesen? Um diese mehr oder weniger existentiellen Fragen kreist die neue Sommerserie „Persons Unknown“, die seit dem 7. Juni auf NBC läuft und als Mystery-Format mit 13 Episoden geplant ist. Doch bereits nach nur einer von ihnen dürfte klar sein: Rod Serling wusste genau, weshalb jede Folge seiner „Twilight Zone“ nur 25 Minuten lang war.

    Jason Wiles als Joe Tucker
    Gerade noch hatte Janet Cooper (Daisy Betts) mit ihrer Tochter Megan ein bisschen Spaß auf dem Spielplatz, da findet sich die Besitzerin einer Kindertagesstätte nach einem Ohnmachtsanfall plötzlich in einem leeren Hotelzimmer wieder. Dessen Gestaltung weckt irgendwie Erinnerungen an Fox Mulders Apartment, es muss an den Farben liegen. Doch der Schlüssel zum Entkommen aus dem Raum findet sich nicht in einer X-Akte, sondern in der Bibel. Hallelujah! Irgendjemand hat in der nämlich einen Schlüssel zur Zimmertür versteckt. Vermutlich die gleichen großen Brüder, die Janet per Videokamera beobachten. Und nicht nur Janet. Die junge Frau stellt schnell fest, dass sie in dem Hotel nicht alleine ist.

    Aus fünf anderen Zimmern tauchen nach und nach weitere Entführungsopfer auf: Charlie Morse (Alan Ruck), Vorstandsvorsitzender einer erfolgreichen Investmentfirma, Tori Fairchild (Kate Lang Johnson), die selbstverliebte Tochter eines Botschafters, Sergeant Graham McNair (Chadwick Boseman), ein Berufssoldat in Uniform, Moira Doherty (Tina Holmes), Patientin in einer Nervenheilanstalt komplett mit verlottertem Anstalts-Bademantel, sowie Joe Tucker (Jason Wiles), ein chronischer Einzelgänger, der die Details seines früheren Lebens lieber für sich behält.

    Nachdem Janet und die anderen fünf einen Weg aus dem Hotel gefunden haben begreifen sie, dass sie sich in einer vollkommen leeren Kleinstadt befinden. Dabei scheint diese „Stadt“ kaum mehr zu sein als ein Filmset mit einem zentralen Platz und einer großen Kreuzung. Trotzdem warten einige Überraschungen auf die verwirrten und mit großen Augen durch die Gegend starrenden Hotelgäste. Zum einen finden sie einen weiteren Neuzugang, Bill Blackham (Sean O?Bryan), der vor lauter Schock mit einer doch recht günstig platzierten Pumpgun eine Geiselnahme improvisiert. Damit setzt er klar auf das Jeder-für-sich-selbst-Szenario um aus seiner verzweifelten Lage wieder rauszukommen.

    Moira (Tina Holmes), Charlie (Alan Ruck) und Tori (Kate Lang Johnson) (v.l.n.r.)
    Doch wie genau kommt man denn hier raus? Janet und Joe versuchen die Papp-Stadt zu verlassen, aber sobald sie die Grenze der Fassade erreichen, brechen sie ohnmächtig zusammen. Die Gefangenen wurden mit sich eindrucksvoll unter den Oberschenkeln abzeichnenden, biometrischen Implantaten versehen. Diese verabreichen bei Fluchtversuch (oder vermutlich bei besonders großem Spaß-Bedürfnis der Entführer) den verwirrten Sieben ein Betäubungsmittel. Janet und Joes Ohnmacht hat aber auch eine gute Seite: Die beiden werden von einer aus dem Nichts auftauchenden Gruppe Asiaten in deren Van mitgenommen und wieder zu den anderen Gefangenen zurück gebracht. Wie sonst hätten sie auch sonst die endlose Strecke in der Mini-Stadt absolvieren sollen?

    Doch die Asiaten taugen nicht nur als Transportmittel. [Achtung: Klischee im Anmarsch!] Wie wir alle seit unserer persönlichen Jagd nach der perfekten Peking-Suppe wissen, sind sie auch als Köche nicht zu verachten. Man fragt sich, ob man bei NBC die Namen mehrerer Bevölkerungsgruppen in einen Zylinder geworfen und danach den Gewinner (oder Verlierer?) gezogen hat. Es traf die Asiaten, somit werden unsere Gefangenen mit chinesischem Essen verköstigt. Mit irgendwelchem asiatischem Essen? Wo kämen wir denn da hin. In Janets Glückskeks findet sich eine unheimliche Botschaft: „Bringe Deinen Nachbarn um und Du darfst hier raus!“ Na, das ist doch mal ein Schnäppchen!

    Aber nicht nur von der Papp-Stadt in Richtung Freiheit darf sich Janet ab sofort in Bewegung setzen. Auch in San Francisco ist der Reporter Mark Renbe (Gerald Kyd) inzwischen auf der Spur der vermissten Erzieherin. Er findet schnell heraus, dass sich deren superreiche und super-eingebildete Mutter die Enkeltochter unter den Nagel gerissen hat. Hat sie Verbindungen zum großen Bruder der Papp-Stadt? Oder ist sie gar selbst die große Oma?

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