Nach Eklat: Ukraine sagt ESC-Teilnahme ab

    Siegerin des Vorentscheids sei „keine Schachfigur in der politischen Arena“

    Nach Eklat: Ukraine sagt ESC-Teilnahme ab – Siegerin des Vorentscheids sei "keine Schachfigur in der politischen Arena" – Bild: UA:Перший/YouTube
    Jamala (l.) bringt die Sängerin MARUV während des ESC-Vorentscheids in Bedrängnis

    Am vergangenen Samstagabend wurde die Sängerin MARUV im nationalen Vorentscheid des ukrainischen Fernsehens zum diesjährigen Act beim „Eurovision Song Contest“ gewählt. Doch die folgenden vier Tage überschattete ein auch politisches Dramenspiel, das nun mit dem Rückzug der Teilnahme am internationalen Musikwettbewerb sein Ende fand. Wie es so weit kommen konnte …

    Insbesondere seit der 2014 begonnenen Krimkrise ist das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine auch auf der Showbühne des Eurovision Song Contests angespannt. Welche Folgen die Politisierung eines Vorentscheids haben kann, zeigt das aktuelle ukrainische Beispiel. Vergangene Woche wurde in der Samstagabendshow „Widbir 2019“ die 27-jährige Sängerin MARUV mit ihrem selbst geschriebenen „Siren Song“ zur Siegerin gekürt. Noch während der Liveshow meldete sich Jamala zu Wort, die schon 2016 mit ihrem umstrittenen Song „1944“ den Eurovision Song Contest in Stockholm gewann und nun in der dreiköpfigen Jury der ukrainischen Vorentscheidshow saß. Jamala fingierte in der Sendung eine kuriose Interviewsituation mit MARUV, in der sie in englischer Sprache eine „unangenehme Frage“ stellte: „Die Krim gehört zur Ukraine?“


    MARUV bejahte die Frage vorsichtig und erntete Applaus. Doch damit war es nicht getan: In der Sonntagnacht äußerte MARUV über ihre Social-Media-Kanäle Zweifel am Vertrag mit dem öffentlich-rechtlichen Sender UA:PBC. So soll im Vertrag beispielsweise gefordert worden sein, dass sie für eine gewisse Zeit nicht in Russland auftritt. Mit diesem Punkt des Vertrags habe sie kein Problem gehabt, doch die gravierenden Einschränkungen ihrer weiteren Freiheiten bereiteten ihr Sorgen. So sei ihr jede nicht genehmigte Improvisation verboten und auch der Kontakt mit Journalisten ohne Absprache mit UA:PBC werde mit hohen Geldsummen geahndet. MARUV erkannte hier eine Einschränkung ihrer Redefreiheit und ihrer Menschenrechte. Als Gegenleistung würden ihr weder organisatorische noch finanzielle Unterstützung zustehen.

    Am Montagnachmittag verkündete MARUV, dass sie nach mehrstündigen Gesprächen mit UA:PBC nicht beim Eurovision Song Contest teilnehmen werde. Sie sei „eine Musikerin, keine Schachfigur in der politischen Arena“ und wolle ihre Kreativität „ohne Zensur“ teilen. UA:PBC-Intendant Zurab Alasania betonte indes in einem Facebook-Post, dass das Auftreten im „Aggressorstaat“ die ukrainische Gesellschaft spalte und dies nicht die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei.

    Dieser sei letztlich in der Verantwortung, wenn durch die Teilnahme am Eurovision Song Contest ein negatives Bild der Ukraine im In- wie im Ausland entsteht. „Nicht alle ukrainischen Künstler sind bereit, gute Diplomaten zu sein“, so der Intendant, der gleichzeitig Verhandlungen mit weiteren Kandidaten des Vorentscheids ankündigte. Sogar der ukrainische Vizeministerpräsident Wjatscheslaw Kyrylenko mischte sich über Twitter in die Debatte ein und wiederholte die Argumentation des Senders.

    MARUVs Auftritt in der Vorrunde des ukrainischen Vorentscheids

    Inzwischen aber ist bekannt, dass auch Freedom Jazz und KAZKA, die Zweit- und Drittplatzierten des ukrainischen Vorentscheids, keine Vereinbarung mit UA:PBC treffen konnten. Angesichts dieser Situation und mit Verweis auf das ukrainische Rundfunkgesetz hat sich der Sender somit gegen eine Teilnahme am diesjährigen Wettbewerb entschieden. Die EBU, die den Eurovision Song Contest jedes Jahr veranstaltet, bedauert diese Entscheidung.

    Die Ukraine wäre am 14. Mai im ersten Halbfinale angetreten. Im Falle einer Finalqualifikation sowohl des ukrainischen als auch des russischen Beitrags wäre es zu einer spannenden Begegnung gekommen, da für Russland erneut Sergey Lazarew ins Rennen geschickt wird. Lazarew nahm bereits 2016 am Eurovision Song Contest teil und war der ukrainischen Siegerin Jamala im Finale unterlegen. Zudem war er 2014 MARUVs Coach im ukrainischen Ableger von „The Voice“. Auf der ESC-Bühne werden sich die beiden Musiker nun jedenfalls nicht wiedersehen.

    28.02.2019, 09:19 Uhr – Lukas Respondek/fernsehserien.de

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • User 318188 (geb. 1959) am 03.03.2019 12:26

      Ukraine setzt ihren Künstlern einen Maulkorb auf u d die deutschen Medien verurteilen das nicht.
      Dad hätte sich mal Russland leisten sollen. Das Geschrei dann...
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      • User 798614 (geb. 1972) am 02.03.2019 14:44

        Eine mutige Sängerin, die sich nicht politisch instrumentalisieren lässt. Hut ab!
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        • bernimueller (geb. 1948) am 28.02.2019 17:58

          Unterentwickelte Sendeanstalten in der Ukraine.
          Die Verantwortlichen für alle kommenden Festivals dieser Art nicht mehr zulassen.
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