„Frontal“-Moderator und Journalist Ulrich Kienzle ist gestorben

    Nahost-Experte wurde 83 Jahre alt

    Glenn Riedmeier – 17.04.2020, 12:16 Uhr

    Ulrich Kienzle

    Ulrich Kienzle ist tot. Der TV-Journalist und Nahost-Experte ist am Donnerstag, 16. April im Alter von 83 Jahren in Wiesbaden gestorben. Bekannt wurde Kienzle als Moderator des ZDF-Politikmagazins „Frontal“, in dem er sich regelmäßig Wortduelle mit Co-Moderator Bodo H. Hauser lieferte.

    Ulrich Kienzle wurde am 9. Mai 1936 in Neckargröningen im Kreis Ludwigsburg geboren. Er absolvierte ein Studium der Politikwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte in München und Tübingen. 1963 begann seine Karriere beim Fernsehen als Redakteur für die „Abendschau“ des Süddeutschen Rundfunks (SDR). Nach einem kurzem Ausflug zum WDR wurde er 1968 zum Chef der „Abendschau Baden-Württemberg“. Von 1972 bis 1974 war er zusammen mit Dagobert Lindlau zudem Redaktionsleiter und Moderator für das Auslandsmagazin „Kompaß“, eine Koproduktion mit dem BR. Zwischen 1974 und 1977 wurde er Nachfolger von Gerhard Konzelmann als ARD-Korrespondent für die arabische Welt – zunächst mit Sitz in Beirut und nach dem syrischen Einmarsch im libanesischen Bürgerkrieg ab 1976 in Kairo. Danach wechselte Kienzle in das ARD-Auslandsstudio in Pretoria und war zuständig für das Gebiet Sudliches Afrika.

    Zehn Jahre lang, von 1980 bis 1990, war Kienzle Fernseh-Chefredakteur bei Radio Bremen, wo er unter anderem das bis heute existierende Format „buten un binnen“ entwickelte und gelegentlich weiterhin als internationaler Reporter aktiv war. So war Kienzle 1982 einer der ersten internationalen Journalisten, die aus Beirut vom Massaker von Sabra und Schatila berichteten. Unter Kienzles Verantwortung entstand außerdem während des Geiseldramas von Gladbeck 1988 das Interview mit dem Haupttäter an der Bushaltestelle in Huckelriede. 1990 ging Kienzle schließlich zum ZDF, wo er bis 1993 die Hauptredaktion Außenpolitik leitete und das „auslandsjournal“ moderierte. Als profunder Kenner des Nahen Ostens führte er ein Interview mit Saddam Hussein, das zu einem zeitgeschichtlichen Dokument wurde.

    Zusammen mit Bodo H. Hauser übernahm Kienzle 1993 die Moderation und die Redaktionsleitung des Politmagazins „Frontal“, das sie bis 2000 moderierten. Als Gegenpart zu Hauser vertrat Kienzle die „linke“ Seite des politischen Spektrums. 1997 präsentierten sie gemeinsam zusätzlich „Hauser & Kienzle … und die Meinungsmacher“. Darin stellten sich Kienzle und Hauser einmal im Monat Fragen zu drei aktuellen Themen – sechs Journalisten nahmen Stellung. Bei der Bundestagswahl 2002 führten die beiden auch durch das „Nachtduell“. 2003 erhielt Kienzle eine eigene Rubrik im ZDF-Magazin„WISO“, zunächst unter dem Titel „Kaufen mit Kienzle“, ab 2006 „Fahren mit Kienzle“.

    Kienzle war Vize-Präsident des gemeinnützigen Vereins Deutsch-Arabische Gesellschaft. In seinem Buch „Abschied von 1001 Nacht – Mein Versuch, die Araber zu verstehen“ warf er basierend auf seinen Erfahrungen vor Ort einen persönlichen Blick auf 40 Jahre Nahostkonflikt. 2014 veröffentlichte seine Ehefrau Ilse Kienzle ein daran anknüpfendes Buch: In „Die Frau des Journalisten“ beschreibt sie, wie sie an der Seite des Fernseh-Korrespondenten den libanesischen Bürgerkrieg miterlebte.

    ZDF-Chefredakteur Peter Frey: „Ulrich Kienzle war ein Top-Journalist. Er hat die Welt vor Ort in Augenschein genommen, um die Konflikte wirklich zu verstehen, über die er dann berichtet hat. Mit seiner Lust, Kante zu zeigen und mit seinem verschmitzten Humor hat er an der Seite von Bodo Hauser ZDF- und Fernsehgeschichte geschrieben.“

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

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      Ich mochte vor allem die Kienzle & Hauser Sendungen, wo die beiden ihre unterschiedlichen Sichtweisen diskutierten. Wobei ich oft fand, dass sie ja nicht sooo sehr auseinander lagen.
      Als Nahostkenner war er auch sonst öfter zu sehen, und er war einer, der sich da wirklich auskannte.

      Möge er in Frieden ruhen!
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        schade, dass diese Art von Journalisten langsam ausstirbt .. ein Mann, der sich nicht kaufen liess
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          Ich habe ihn immer sehr gerne gesehen.

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