Frank Elstner: „Das Fernsehen hat die Genussgarantie verloren.“

Show-Legende über mangelnde Kreativität, Quotendruck und YouTube

Glenn Riedmeier
Glenn Riedmeier – 03.07.2019, 19:44 Uhr

Frank Elstner – Bild: SWR/Krause-Burberg
Frank Elstner

Show-Legende und „Wetten, dass..?“-Erfinder Frank Elstner gab kürzlich ein Interview. Gemeinsam mit seinem Sohn Thomas Elstner war er zu Gast bei Frank Beecken in dem hörenswerten Podcast „Fragen wir doch!“ für RTL Radio Deutschland und 105’5 Spreeradio. Bei dieser Gelegenheit tätigte er einige interessante Aussagen und sprach aus seiner langen Erfahrung über das TV-Geschäft von heute.

Als größtes Problem macht er aus: „Ich glaube, dass das Fernsehen etwas ganz Wichtiges verloren hat – die Genussgarantie.“ Er hätte noch eine ganze Reihe an Programmen auf dem Schreibtisch dagegenzusetzen. „In meiner Schublade liegt noch mehr Kreativität als in einem durchschnittlichen Sender.“ Dies seien die „ganzen Programme, die ich erfunden habe, die keiner genommen hat.“ Elstner habe stets Dinge machen wollen, die noch niemand vor ihm gemacht hat. Entscheidend sei, wer in welchem Machtumfeld sitzt und das Sagen hat. Es funktioniere nur, „wenn da Menschen sitzen, die tolerant, mutig und weitsichtig sind und Experimente wagen.“ Aber die Programmverantwortlichen legen vor allem Wert auf die Quote, zu Ungunsten von Inhalt und Kreativität.

Diesbezüglich sei er von den Öffentlich-Rechtlichen enttäuscht: „Wenn ich überlege, welche Möglichkeiten die ARD mit ihren dritten Programmen hätte. Die haben die Erneuerung die letzten 20 Jahre verschlafen. Ich hätte viel mehr ausprobiert, ich hätte das, was YouTube jetzt als Reiz anbietet – ‚kommt her, probiert es aus, mal gucken, wie es wird‘ – das hätte ich von morgens bis abends in den dritten Programmen gesendet.“ Als Vorschlag, um Schwung in die Sache zu bringen, könnte sich Elstner eine Castingshow zur Besetzung wichtiger Positionen im Fernsehen vorstellen: „Ich würde auf diesem Weg gute junge Reporter suchen. Und je nachdem, wer in der Jury sitzt, könnte man so auch den Intendanten besetzen.“ Er selbst könnte sich auch vorstellen, in einer solchen Jury zu sitzen.

Trotz der Einstellung seiner Show-Erfindung „Wetten, dass..?“ vor fünf Jahren lebe der Grundgedanke in anderen Formaten weiter. „Ich kann Ihnen heute zehn Sendungen zeigen, die genauso heißen könnten ‚Wetten, dass die Kleinen die Großen schlagen‘ oder ‚Wetten, dass die Tiere dies oder das machen‘.“ Großes Lob hat Frank Elstner für Stefan Raab übrig, vor allem für dessen Kreativität: „Ich bedauere zutiefst, dass Stefan Raab aufgehört hat. Die Idee, Menschen mit einem Wok irgendwo runterrutschen zu lassen, ist zwar Klamauk, aber guter.“ Er sei überzeugt: „Sie können Menschen wie Stefan Raab nicht backen. Wenn wir Sendezeit für die Suche neuer Stefan Raabs bekommen könnten, würden sich viele melden. Und da ist todsicher einer dabei, der es kann.“

Den Trend zu immer längeren, drei- bis vierstündigen Shows, verfolgen die Sender laut Elstner vor allem aus einem einzigen Grund. „Aus einer zweistündigen Unterhaltungsshow eine vierstündige Show zu ziehen, ist für den Zuschauer nicht immer angenehm. Aber es ist für die Einschaltquote angenehm, das ist ein reines Rechenexempel. Je länger ich sende, um so länger kann ich an der Quote arbeiten. Der Sender sagt sich: ‚Komm, wir machen ‚ne Stunde länger, dann haben wir hinten raus mehr zum Addieren für ‚ne gute Einschaltquote.‘“ Diese Strategie habe es bereits zu seinen „Verstehen Sie Spaß?“-Zeiten gegeben: „Ich habe zu meinem Regisseur gesagt: Komm, lass uns zum Schluss noch mal eine besonders gute Verladenummer zeigen und statt um 22:45 Uhr erst um 22:55 Uhr aufhören, damit die Einschaltquote noch ein bisschen nach oben geht.“

Den Trend zu immer extremeren TV-Formaten sieht Elstner differenziert. „Es gibt Sender, die sich darauf spezialisiert haben, das Extreme zu machen. Es gibt Sender, die das schlecht machen, und Sender, die das gut machen. Wenn ich an die verrückten Sendungen von Joko und Klaas denke, kann ich nur sagen: Das gucke ich mir gerne an – auch wenn es manchmal ’ne Stunde zu lange dauert.“ Hoffnungen setzt Elstner auch in Jan Böhmermann. „Jan Böhmermann kann eine halbe Stunde, ohne sich zu wiederholen, moderieren. Er hat einen so immensen Wortschatz, wie ich es selten erlebt habe. Das ist ein ganz besonderes Talent.“ Als Moderator einer großen Familienshow sieht Elstner ihn jedoch nicht: „Jan Böhmermann sollte der etwas versponnene ehrliche Individualist und Intelligenzler bleiben.“

Frank Elstner ist vor Kurzem unter die YouTuber gegangen. In dem Interviewformat „Wetten, das war’s..?“ spricht er ausführlich und ohne Zeitdruck mit prominenten Gästen. „Der Vorteil bei YouTube: Ich persönlich kann mit meinem Sohn bestimmen, wie lange wir sind. Wenn das Gespräch langweilig ist, nur 20 Minuten. Oder auch zwei Stunden. Ich gehöre zu den Menschen, die – wenn ihnen etwas gefällt – etwas gerne länger machen, ohne Zeitgrenzen.“ Sein Sohn Thomas Elstner empfahl ihm: „Mach’ das in einem Raum, der nach Theater aussieht, ohne Publikum – auf YouTube.“

Die Sendung erinnert nicht zufällig an Elstners früheres SWR-Format „Menschen der Woche“, das 2015 eingestellt wurde. „Ich hätte gerne mit meinem SWR-Talk ‚Menschen der Woche‘ die tausendste Sendung voll gemacht.“ Der SWR habe sich jedoch dagegen entschieden. Thomas Elstner, der „Wetten, das war’s..?“ produziert, kristisiert die Entscheidung des SWR: „Ich konnte nicht nachvollziehen, dass ‚Menschen der Woche‘ nicht weiterging. Es gibt keine Halbwertszeit für Moderatoren, solange sie gute Gespräche führen.“

Kommentare zu dieser Newsmeldung

  • am

    Ich frage mich wozu gibt es eigentlich "One" ,"Tagesschau24" von der ARD und ZDF-NEO, vom ZDF wenn da meistens nur Wiederholungen von den Hauptsendern laufen? Und in denen laufen ja auch schon oft genug Wiederholungen! Bei One oder ZDF-NEO könnten die öffentlich rechtlichen auch neue Programmexperimente machen als immer nur das gleiche alte Zeugs senden.
    • am

      tja, was ist auch "Genuss" an unendlich vielen Kriki-Serien in der Endlosschleife auf jedem Sender. Es gibt genug Schlimmes auf der Welt, da brauch ich keine täglichen Krimis. Die Sender wollen kein Geld ausgeben also müssen wir uns diese Serien Tag und Nacht und jedes Jahr wieder ansehen. Das geht alles gar nicht mehr.
      • am via tvforen.de

        Ich sass am Donnerstag im Publikum einer 90-minütigen Show. Ich muss schon sagen, dass ich dieses TV-Format, das ich früher auch bei ARD und ZDF so geschätzt habe, vermisse. Einige lustige Spielchen, zwei Musikauftritte (inklusive Überall-Dauergast Roland Kaiser) und ein paar Informationen zum Veranstaltungsort. Und fertig war's. Dagegen fehlt mir wirklich die Geduld für all die XXL-Formate. Auch bei Wetten dass fand ich die letzte Stunde mit Musik, Saalwette und Wettkönig immer am Langweiligsten.
        • am

          Tja, Leute wie Elstner fehlen heute an allen Ecken und Kanten. Ob der Mann Recht hat oder nicht, die Frage stellt sich für mich überhaupt nicht. Dieser Mann hat mit seinen unzähligen TV Shows UND Quoten-Bringern schliesslich TV Geschichte geschrieben und dies spricht für sich selbst. Das die ÖR und auch die meisten Privaten ihr Potiental verschenken liegt auf der Hand, nicht umsonst schiessen aller Orten Streaming Dienste wie Pilze aus dem Boden und erhalten (leider) auch immer größeren Zulauf. Selbst ich bin seit letztem Jahr Teil der Userschaft geworden. Dabei war ich immer eine erklärte Gegnerin. Aber, wie ein altes Sprichtwort sagt... "In der Not frisst der Teufel fliegen:... ;oD In diesem Sinne *DankefürsLesen* ♡
          • am via tvforen.de

            Da ist wirklich viel Wahres dran. Kreative Leute wie Elstner sollten auf den Entscheidungsposten bei Funk und Fernsehen sitzen, und keine BWLer oder Verwaltungsbeamte. Was er über die Dritten sagt (ausprobieren, experimentieren), dazu hätten sich ja auch ONE und zdf_neo angeboten, aber man hat sich lieber entschieden kostengünstig und auf Nummer Sicher zu arbeiten.

            Und was die Länge der Samstagabendshows angeht glaube ich, der entscheidene Unterschied zu heute ist, dass er in dem genannten Beispiel "Verstehen Sie Spass?" oder auch Kollege Gottschalk im ZDF länger gemacht haben, weil sie wollten und es sich inhaltlich angeboten hatte. Die heutigen Sendungen werden künstlich in die Länge gezogen und es macht die Sendungen nicht spannender, ob man jetzt bei "Ich weiss alles!" noch einen Einzelkandidaten mehr oder weniger antreten lässt und das Finale um 22:55 Uhr oder 23:25 Uhr spielt.
            • am via tvforen.de

              Was soll man dazu sagen?
              Der Mann hat recht!

              weitere Meldungen