Anfang 2025 irritierte Joyn, der Streamingdienst der privaten Sendergruppe ProSiebenSat.1, mit einem überraschenden Vorgang: Plötzlich tauchten zahlreiche Inhalte der Mediatheken von ARD und ZDF dort auf. Per Embedding-Technik wurden die On-Demand-Videos der Öffentlich-Rechtlichen in das Joyn-Angebot integriert. Dies geschah jedoch, ohne dass dafür eine offizielle Erlaubnis erteilt wurde. ARD und ZDF taten unmittelbar ihren Unmut darüber kund und kündigten rechtliche Schritte an. Joyn probte zunächst den Widerstand, doch wenige Wochen später verschwanden die Inhalte wieder von der Plattform – als offizielle Begründung nannte man das Ende eines „vorläufigen Beta-Tests“. Nun die Kehrtwende: Zumindest mit dem ZDF ist sich ProSiebenSat.1 einig geworden. Beide Partner kündigen heute euphorisch die Zusammenarbeit in Sachen Streaming an.
In der gemeinsamen Pressemitteilung heißt es, dass die beiden Unternehmen „eine wegweisende Vereinbarung zur Einbindung von On-Demand-Inhalten des ZDF auf Joyn geschlossen“ haben. Damit wolle man einen neuen Zugang zu „hochwertigem Mediencontent“ schaffen und einen „Beitrag zu einer vielfältigen und zukunftsfähigen Medienlandschaft in Deutschland“ leisten. Der operative Start sei für das vierte Quartal 2026 geplant.
ZDF-Inhalte künftig per Embedding auf Joyn verfügbar
Konkret werden die Nutzer künftig also ZDF-Inhalte direkt über die Joyn-Nutzeroberfläche abrufen können – und zwar wieder per Embedding-Technik, so wie es bereits beim „Beta-Test“ der Fall war. Im Gegensatz zu anderen Inhalten auf Joyn werden die ZDF-Sendungen werbefrei zur Verfügung gestellt – und die Abrufzahlen bzw. der Traffic werden dem ZDF zugerechnet. Ermöglicht wird dies durch eine entsprechende AGF-Messung. Die redaktionelle Hoheit über diese Inhalte verbleibt beim ZDF.
Unser Auftrag ist es, möglichst viele Menschen mit unseren hochwertigen Angeboten zu erreichen, erläutert Dr. Florian Kumb, Direktor Audience des ZDF, die Entscheidung. Wenn ZDF-Streaming-Inhalte künftig auch auf Joyn auffindbar sind, stärken wir die Sichtbarkeit öffentlich-rechtlicher journalistischer Angebote im digitalen Raum.
Die Zusammenarbeit wird auch als wichtiger Schritt gesehen, um „in einer zunehmend internationalen Plattformwelt“, also Netflix, Prime Video und Co, bestehen zu können. Das ZDF und ProSiebenSat.1 wollen ein Signal für die „Stärkung des Medienstandorts Deutschland und für mehr Sichtbarkeit hochwertiger journalistischer Inhalte“ setzen.
Nicole Agudo Berbel, Geschäftsführerin und Chief Distribution & Partnerships Officer bei ProSiebenSat.1: Von den hochwertigen Inhalten des ZDF profitieren unsere Nutzerinnen und Nutzer von Joyn, die künftig noch mehr erstklassigen Content auf Abruf entdecken können. Diese Kooperation zeigt, wie öffentlich-rechtliche und private Medien gemeinsam innovative Antworten auf den digitalen Wettbewerb geben. Damit setzen wir ein starkes, zukunftsweisendes Signal für das duale System und die Medienbranche insgesamt. Die Vereinbarung konkretisiere das Kooperationsgebot des neuen Medienstaatsvertrags und stehe für einen partnerschaftlichen Ansatz in der digitalen Medienwelt.
Wie sieht es mit ARD-Inhalten auf Joyn aus?
Bleibt die Frage, wie es angesichts dieser Entwicklung um eine mögliche Einigung von ProSiebenSat.1 mit der ARD bestellt ist. Diesbezüglich gibt es jedoch keine Informationen. Der ARD-Vorsitzende Florian Hager nahm vor einem Jahr kein Blatt vor den Mund und griff ProSiebenSat.1 scharf dafür an, dass ARD-Inhalte unerlaubt auf Joyn gestellt wurden. Er bezeichnete das Vorgehen als modernes Raubrittertum und warf den Verantwortlichen zudem vor, dass die Rechte von Produzenten und Kreativen missachtet werden. Das ist eine neue Form von Piraterie, die hätte ich mir nicht vorstellen können, lauteten seine deutlichen Worte. Man sei in Gesprächen mit Joyn gewesen, dabei ging es allerdings ausschließlich um eine Verlinkung von Inhalten und nicht um Embedding. Diese Variante habe Joyn jedoch abgelehnt. ARD und ZDF zogen schließlich gegen ProSiebenSat.1 aufgrund des unerlaubten Embeddings vor Gericht – und bekamen vorläufig in wesentlichen Punkten Recht.
Weshalb Joyn so scharf darauf ist, Inhalte anderer Sender zu integrieren, lässt sich durch die allgemeine Strategie des Streamingdienstes erklären. Anders als etwa RTL+ oder Netflix setzt Joyn in erster Linie nicht auf ein Abomodell (obwohl es Joyn+ gibt), sondern versteht sich in erster Linie als kostenloser, werbefinanzierter Dienst und Aggregator, der auf kontinuierliche Steigerung des Nutzungswachstums und der Verweildauer („Watchtime“) aus ist.
Das Potenzial dafür ist umso mehr gegeben, je mehr Inhalte verfügbar sind. Natürlich schielt Joyn auch darauf, dass Nutzer, die ZDF-Inhalte auf der Plattform konsumieren, auch auf ProSiebenSat.1-Inhalte stoßen, die dann dem eigenen Traffic zugerechnet werden. Der ARD-Vorsitzende Florian Hager merkte vor einem Jahr im Zuge des öffentlichen Disputs spöttisch an, dass er durchaus verstehen könne, dass ProSiebenSat.1 ein gesteigertes Interesse daran hat, Inhalte anderer Anbieter auf Joyn zu bringen. Es ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, dass Joyn überleben wird.
Na also, wenn man miteinander spricht, klappt's auch. Theoretisch hat die ARD jetzt auch keine Ausrede mehr, um dem Embedding auf Joyn nicht zuzustimmen.
Die ZDF Mediathek (Entschuldigung, das ZDF-Streamingportal meine ich) mag ich als App ohnehin nur so mittel, aber ob ich jetzt fürs ZDF auf Joyn wechsle? Ich weiß ja nicht.