Wegen Orden für al-Sisi: Judith Rakers sagt „Semperopernball“-Moderation ab

    Dresdner Kulturevent von Kontroverse überschattet

    Glenn Riedmeier – 30.01.2020, 13:37 Uhr

    Judith Rakers

    Am 7. Februar findet der alljährliche Semperopernball statt. Er gilt als eine der herausragendsten Kulturveranstaltungen des Landes – doch in diesem Jahr sorgt die Vergabe des St.-Georgs-Orden für eine Kontroverse. Geehrt wurde nämlich Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi, der als Autokrat und Diktator gilt und 2013 nach einem Militärputsch an die Macht gekommen ist. Aus dieser fragwürdigen Verleihung zieht Judith Rakers nun Konsequenzen. Die „Tagesschau“-Sprecherin sollte zusammen mit Sänger Roland Kaiser durch die Gala führen, doch jetzt hat sie ihr Unverständnis zum Ausdruck gebracht und ihren Ausstieg angekündigt.

    „Viele von Euch fragen nach, wie ich mich entschieden habe in Sachen Semperopernball: Ich habe den Ballverein bereits am Montag um Auflösung des Moderations-Vertrages gebeten und warte noch immer auf Zustimmung“, schreibt Rakers auf Twitter.

    Auch Roland Kaiser meldete sich auf Facebook zu Wort. „Die Vergabe des St. Georg Ordens des Dresdner SemperOpernballs an den ägyptischen Machthaber Abdel Fattah al-Sisi widerspricht allem, wofür ich als Künstler und als Mensch stehe. Ich distanziere mich von ihr mit allergrößtem Nachdruck. Hätte ich vorab davon erfahren, hätte ich meine Teilnahme an der Veranstaltung nicht zugesagt.“

    Ballvereinschef Hans-Joachim Frey bezeichnet die Entscheidung, al-Sisi den Orden zu verleihen, inzwischen selbst als Fehler: „Wir möchten uns für diese Preisverleihung entschuldigen und davon distanzieren. Die Verleihung war ein Fehler.“ Zuvor hatte Frey die Auswahl damit gerechtfertigt, dass der Ball eine Kultur- und keine politische Veranstaltung sei. Trotz großer öffentlicher Kritik wurde al-Sisi, der mit harter Hand gegen Oppositionelle und Kritiker vorgeht und Meinungs- und Versammlungsfreiheit stark einschränkt, bereits am vergangenen Sonntag in der Rubrik „Politik und Kultur“ mit dem St.-Georgs-Orden geehrt. In der Gala am 7. Februar soll dies allerdings kein Thema sein.

    „Die Entschuldigung des SemperOpernball-Vereins nehme ich zur Kenntnis. Sie und die Zusicherung, dass die Preisverleihung in keiner Weise Bestandteil des Programms sein wird, waren für mich eine Grundvoraussetzung, um überhaupt über die Aufrechterhaltung meiner Teilnahme nachzudenken“, so Roland Kaiser. „Ich habe mit dem MDR, aber auch mit Freunden und Partnern darüber gesprochen und mir die Entscheidung nicht leichtgemacht – nicht als Anhänger unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, nicht als Träger der Ehrenmedaille der Landeshauptstadt Dresden und nicht als großer Freund der Dresdner. Letztendlich habe ich mich dafür entschieden, den SemperOpernball zu moderieren – und zwar nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen dieses Vorfalls. Gemeinsam mit den Gästen auf der Bühne und im Publikum werde ich beweisen, dass das Herz des SemperOpernballs für Pluralismus, Meinungs- und Pressefreiheit, Toleranz, Freiheit und Demokratie schlägt.“

    Roland Kaiser bedauert, nicht gemeinsam mit Judith Rakers auf der Bühne zu stehen, respektiere aber die Entscheidung seiner „lieben Kollegin“. „Ich bin außerordentlich traurig darüber, dass meine Moderation des diesjährigen SemperOpernballs unter derart unglücklichen Umständen stattfinden wird, da ich mich seit Monaten auf dieses gesellschaftliche Großereignis vorbereitet und gefreut habe.“ Wer anstelle von Judith Rakers an der Seite von Roland Kaiser moderieren wird, ist noch nicht bekannt. Peter Maffay hat seine Teilnahme als Mitternachts-Act zugesichert.

    Der MDR distanzierte sich ebenfalls, wird den Ball jedoch wie in den vergangenen Jahren übertragen. Presse- und Meinungsfreiheit seien für den Sender ein unverzichtbarer Wert. „Genau das werden wir in unserer Sendung zum Semperopernball deutlich zum Ausdruck bringen und kritisch auf die Ehrung sowie die derzeitige Menschenrechtssituation in Ägypten schauen. Zugleich werden wir die künftige Zusammenarbeit mit dem Ballverein kritisch auf den Prüfstand stellen“, so das Statement des Senders.

    Zuvor hatte sich bereits die DDV-Mediengruppe, viele Jahre der offizielle Medienpartner des Balls, distanziert. „Missachtung von Menschenrechten einschließlich des Rechts auf freie Meinungsäußerung sind mit Haltung und Selbstverständnis von Verlag und Redaktionen der Mediengruppe unvereinbar“, so die DDV auf Twitter.

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