„Katakomben“: Licht und Schatten beim Klassenkampf im Münchener Untergrund – Review

    Nach einer Partykatastrophe prallen in der bayerischen Metropole Ober- und Unterschicht aufeinander

    Rezension von Christopher Diekhaus – 10.03.2021, 19:39 Uhr

    Max Mahler (Nick Romeo Reimann, vorne) und seine Freunde erforschen die Katakomben. – Bild: Joyn/Neuesuper/Arvid Uhlig
    Max Mahler (Nick Romeo Reimann, vorne) und seine Freunde erforschen die Katakomben.

    Vor kurzem blies die deutsche Streaming-Plattform Joyn zu einer Content-Offensive und kündigte unter anderem die neue Fiction-Eigenproduktion „Katakomben“ an, die den Ruf Münchens als Schickeria-Pflaster aufgreift und um eine eher unbekannte Facette erweitert. Während die bayerische Landeshauptstadt mit ihren breiten, blankgeputzten Straßen und ihren prächtigen Bauten eine mondäne Aura verströmt, existiert unterhalb des Hauptbahnhofs eine düstere Parallelwelt, ein weit verzweigtes System an Tunneln und Räumlichkeiten, das Obdachlose und Drogensüchtige als Zufluchtsort nutzen. Inspiriert von einem Zeitungsartikel über dieses Universum abseits des schönen Flairs, entwickelten Produzent Florian Kamhuber („8 Tage“) und Filmemacher Jakob M. Erwa („Die Mitte der Welt“) einen Mix aus Krimi- und Dramaserie, in dem sich nach einer illegalen Rave-Party die Wege von Menschen aus unterschiedlichen Schichten kreuzen.

    „Katakomben“ beginnt mit einem kurzen Vorgriff, dessen gespenstische Atmosphäre neugierig macht. Aus Kanaldeckeln und einem U-Bahn-Schacht dringen kleine Rauchschwaden, die sich zunehmend verdichten. Der Hund einer obdachlosen Frau wird immer unruhiger. Und irgendwann tauchen aus dem Qualm schick gekleidete Jugendliche auf – panisch um ihr Leben rennend. Wirkungsvoll vermittelt die fahrige Handkamera die losbrechende Unruhe. Und nur wenig später wird die Nacht von zahlreichen Blaulichtern erhellt. Mittendrin im Chaos befindet sich die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Nellie Mahler (Lilly Charlotte Dreesen), die verzweifelt nach ihrem Bruder Max (Nick Romeo Reimann) sucht, und ihr bester Kumpel Janosch Seiler (Yasin Boynuince), der selbst jetzt seinem Influencer-Status gerecht werden und seine Follower mit einem Grußvideo auf dem Laufenden halten will.

    Nach diesem griffigen Einstieg springt die Handlung 18 Stunden zurück, um zu zeigen, wie es zu dem Tumult und dem Großeinsatz gekommen ist: Während der amüsierfreudige Max und sein Anhang die Aussicht auf eine geheime Rave-Party unter dem Münchener Hauptbahnhof sofort begeistert, hat Nellie eigentlich keine Lust, mit Janosch auszugehen. Ihr Desinteresse ist allerdings schnell verflogen. Und nach dem Vorglühen mit edlen, prickelnden Getränken geht es, perfekt gestylt, auch schon los zum Feiern.

    Nellie (Lilly Charlotte Dreesen, links) und Janosch (Yasin Boynuince) werden von der Bundespolizistin Magdalena Kaltbrunner (Sabine Timoteo) befragt. Joyn

    Angekommen in der exklusiven Untergrund-Location, muss Nellie, mal wieder, mitansehen, wie sich ihr Bruder hemmungslos zudröhnt. Janosch wird derweil auf die von der Gesellschaft Vergessenen aufmerksam, die gleich neben der tanzwütigen, privilegierten Meute ein menschenunwürdiges Dasein fristen. Zu ihnen gehört eine junge Frau namens Tyler (Mercedes Müller), die sich aufopferungsvoll um die kranke Liljana (Lea Mornar) und deren Sohn Elion (Valentin Thatenhorst) kümmert. Anwesend ist auch die Bundespolizistin Magdalena Kaltbrunner (Sabine Timoteo), die nach irgendjemandem Ausschau zu halten scheint. Dem wilden Treiben ein Ende setzen will Lisa Limberger (Marleen Lohse), die für die Firma ihres Vaters (Daniel Friedrich) ein ambitioniertes, sozial verträgliches Bauvorhaben gleich über dem Gewirr an Katakomben betreut. Als in dem Partysetting ein Feuer ausbricht, kommt es zu einer Massenpanik, an deren Ende 33 Verletzte und drei vermisste Personen, Max und seine Begleitungen, zu beklagen sind. In den Medien schlägt das Unglück hohe Wellen. Und Nellies Mutter Anna (Aglaia Szyszkowitz), die als städtische Baurätin gewaltig unter Druck steht, versucht, trotz der Sorge um ihren Sohn die Ereignisse zu instrumentalisieren.

    Die sechsteilige, von Ko-Schöpfer Erwa in Szene gesetzte Serie legt zum Auftakt ein ordentliches Tempo hin, das sich, von kleinen Ausnahmen abgesehen, bis zum Ende hält. Auffallend ist der einheitliche Aufbau aller Episoden. Zu Beginn sehen wir stets Szenen aus der Nacht der unerlaubten Rave-Veranstaltung, wobei sich zuweilen neue Perspektiven auf zuvor gezeigte Geschehnisse auftun. Danach wechselt die Erzählung in die Gegenwart. Während des Abspanns jeder Folge teasern die Macher schließlich Momente an, die erst im nächsten Kapitel in Gänze zu sehen sind.

    Die ein jähes Ende findende Party ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Manche Protagonisten treffen hier fatale Entscheidungen, die auch Konsequenzen für andere Figuren haben und den Plotverlauf maßgeblich bestimmen. Berühren sich manche Stränge – etwa Nellies Suche nach ihrem verschwundenen Bruder oder Magdalenas eigenmächtige, Kompetenzen überschreitende Recherchen – zunächst nur leicht, kristallisieren sich mit der Zeit dramatische Verknüpfungspunkte heraus. Kamhuber und Erwa bemühen sich, den Zusammenstoß zwischen Arm und Reich mit Schattierungen zu versehen, bleiben bisweilen aber zu sehr an der Oberfläche.

    Tyler (Mercedes Müller, hinten) wird beim Zündeln ertappt. Joyn

    Nellie beispielsweise leidet zwar unter der Vernachlässigung durch ihre dauerbeschäftigte Mutter, erhält darüber hinaus allerdings kein besonderes Profil. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie ihre Wohlstandsexistenz ab und an in Nebensätzen hinterfragt. Etwas schwammig gibt sich die Serie auch im Falle Lisas, deren idealistisches Bauprojekt nur selten richtig greifbar wird. Nach Sichtung aller Folgen drängt sich zudem der Eindruck auf, dass man die unterirdische Schattenwelt noch genauer hätte erforschen können. Über Tyler und ihre Ersatzfamilie bekommen wir Einblicke. Mehr Zeit verbringt „Katakomben“ dann aber doch mit den Menschen, die eine Etage höher wohnen. Eine interessante Entwicklung durchläuft der stets auf seine Wirkung bedachte Janosch, der eingangs wie ein wandelndes Influencer-Klischee anmutet. Spannung erzeugt überdies der Weg Magdalenas, was vor allem an der rätselhaft-verbissenen Darbietung Sabine Timoteos liegt. Nervig ist in diesem Zusammenhang allerdings das seltsam verdruckste Auftreten des wie ein Schuljunge daherkommenden Staatsanwalts Dominik Liebknecht (Yung Ngo), der – aus welchem Grund auch immer – in die schroffe Polizeibeamtin vernarrt zu sein scheint und für sie ständig in die Bresche springt.

    Die soziale Komponente der Geschichte wird leider nur bedingt ausgeschöpft. Ins Auge stechen aber durchaus einige Details und Bemerkungen, die die Schere zwischen Arm und Reich pointiert einfangen. So spricht es etwa Bände, dass Liebknecht nach dem Partyfiasko einer Junkie-Leiche auf Druck von oben erst einmal keine Beachtung schenkt. In den Drehbüchern stecken gute Ideen. Mitunter verfallen sie jedoch in Bequemlichkeit und bemühen Zufälle, um Wendungen auf den Weg zu bringen. Restlos überzeugen kann die erfrischend divers besetzte Serie auch deshalb nicht, weil in der Hoffnung auf eine zweite Staffel manche Fäden am Ende nur halbherzig abgeschlossen werden.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung aller sechs Folgen der ersten Staffel der Serie „Katakomben“.

    Meine Wertung: 3 / 5

    Die Serie „Katakomben“ erscheint am 11. März 2021 auf Joyn PLUS+.

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • (geb. 1984) am

      Ähm... warum rennt man shirtless durch den Untergrund?! Naja... stimmt: wegen der Follower :-)

      weitere Meldungen