„Married at First Sight UK“, die britische Version der in Deutschland als „Hochzeit auf den ersten Blick“ bekannte Realityshow, wird eingestellt. Das hat der Fernsehsender Channel 4 bekanntgegeben. Vorausgegangen war eine BBC-Recherche, in deren Rahmen schwere Vorwürfe gegen die Dating- und Hochzeitssendung öffentlich wurden.
Das Konzept der Sendung ist wie folgt: Singles erklären sich bereit, einen völlig fremden Menschen zu heiraten, den sie zum ersten Mal bei einer inszenierten Hochzeitszeremonie treffen. Die Eheschließungen sind rechtlich nicht bindend. Nach der Hochzeit begleiten die Kameras die Paare jedoch auf ihrer Hochzeitsreise und anschließend in ihrem gemeinsamen Alltag. Dabei müssen sie versuchen, eine Beziehung aufzubauen und miteinander zurechtzukommen – während sie nahezu täglich gefilmt werden.
Die Sendung geriet bereits im Mai ins Fadenkreuz. In einer „Panorama“-Reportage der BBC berichteten zwei ehemalige Teilnehmerinnen, von den Männern, mit denen sie in der Sendung zusammengebracht wurden, mutmaßlich vergewaltigt worden zu sein. Eine dritte Frau erhob den Vorwurf einer sexuellen Handlung ohne ihre Zustimmung. Die beschuldigten Männer weisen sämtliche Vorwürfe zurück.
Nachdem die BBC Channel 4 erstmals über die ihr vorliegenden Anschuldigungen informiert hatte, beauftragte der Sender eine unabhängige Untersuchung. Der am 5. November veröffentlichte Abschlussbericht empfiehlt zusätzliche Schutzmaßnahmen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Dennoch traf Channel 4 die Entscheidung, die Sendung einzustellen. Das Format habe seine Halbwertszeit inzwischen überschritten. Gleichzeitig entschuldigte sich der Sender bei den Frauen, die im Rahmen der BBC-Recherche ihre Erfahrungen geschildert hatten.
Eine Teilnehmerin erklärte, ihr TV-Ehemann habe sie vergewaltigt und ihr zudem mit einem Säureangriff gedroht. Eine zweite Frau hatte Channel 4 und der Produktionsfirma CPL bereits vor der Ausstrahlung von einer mutmaßlichen Vergewaltigung durch ihren TV-Ehemann berichtet. Trotzdem wurden ihre Folgen ausgestrahlt. Die dritte Frau, Shona Manderson, die als einzige der drei öffentlich identifiziert wurde, warf ihrem TV-Ehemann sexuelles Fehlverhalten vor. Alle drei Frauen kritisierten, dass die Verantwortlichen der Sendung nicht ausreichend für ihren Schutz gesorgt hätten.
Channel-4-Chefin Priya Dogra erklärte, sie bedauere zutiefst, dass die betroffenen Frauen solche belastenden Erfahrungen machen mussten. Die Produktionsfirma CPL, die für die britische Version des Formats verantwortlich ist, hatte die Vorwürfe zuvor zurückgewiesen. Ihre Anwälte bezeichneten das Betreuungssystem für die Teilnehmer als branchenführend und von höchstem Standard. In allen drei Fällen habe man angemessen gehandelt.
Dame Caroline Dinenage, Vorsitzende des Kulturausschusses im britischen Unterhaus, bezeichnete die Einstellung der Sendung angesichts der Untersuchungsergebnisse und der Schwere der Vorwürfe als nachvollziehbare Entscheidung. Teilnehmer von Reality-TV-Sendungen werden oft wie eine Ware behandelt, die Fürsorgepflicht ist eher ein leeres Versprechen als ein gelebtes Prinzip. Alle, die an der Produktion und Regulierung von Reality-TV beteiligt sind, müssen daraus lernen und entsprechend handeln.
Auch die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom kündigte an, die veröffentlichten Untersuchungsberichte sorgfältig zu prüfen. Gleichzeitig wolle man die Richtlinien für Fernsehsender weiterentwickeln. Die Behörde stellte klar, dass Fernsehveranstalter eine besondere Verantwortung für Menschen tragen, die an ihren Sendungen teilnehmen.
Die unabhängige Untersuchung wurde in zwei Bereiche aufgeteilt. Ein Teil beschäftigte sich mit den Schutz- und Betreuungskonzepten der Sendung. Der andere untersuchte, wie Channel 4 und die Produktionsfirma CPL mit den erhobenen Vorwürfen umgegangen waren. Sie kam zu dem Ergebnis, dass bestimmte Elemente des Sendungskonzepts das Risiko für die Teilnehmer erhöhen könnten. Zwar seien die bestehenden Schutz- und Betreuungsmaßnahmen insgesamt sehr umfassend und von hoher Qualität gewesen. Allerdings stehe körperliche Nähe und Intimität im Mittelpunkt des Formats. Einige Bestandteile der Sendung könnten dadurch indirekt Druck auf die Teilnehmer ausüben, intim miteinander zu werden.
Die Prüfung der Schutzmaßnahmen wurde von Lorraine Heggessey geleitet, einer ehemaligen Leiterin von BBC One. Sie schlug verschiedene Verbesserungen vor. Dazu gehörten unter anderem:
- Videoüberwachung in sämtlichen Bereichen der Apartments, die dauerhaft von einem Betreuungsteam kontrolliert werden sollte
- Notfallknöpfe, mit denen Teilnehmer jederzeit Hilfe anfordern können
- Vereinbarte Sicherheitswörter, sogenannte Safe Words, mit denen unangenehme oder bedrohliche Situationen sofort beendet werden könnten
Nach Einschätzung der ehemaligen BBC-Managerin wäre eine Fortsetzung der Sendung grundsätzlich möglich gewesen, sofern das bestehende Schutzkonzept verbessert und das Format entsprechend angepasst worden wäre. In einem Interview mit der BBC-Radiosendung „PM“ erklärte sie allerdings, dass die vorgeschlagenen Änderungen das Konzept und den Charakter der Sendung erheblich verändert hätten. Gleichzeitig hätten sie aber den Schutz geboten, den Channel 4 und CPL für die Sicherheit aller Beteiligten eigentlich gewährleisten wollten. Sie könne jedoch vollkommen nachvollziehen, warum Channel-4-Chefin Priya Dogra letztlich entschieden habe, die Sendung nicht fortzuführen.
Dogra betonte, dass der Schutz und das Wohlergehen der Teilnehmer bei sämtlichen Produktionen von Channel 4 oberste Priorität hätten. Die vollständige Umsetzung aller vorgeschlagenen Maßnahmen habe jedoch grundsätzliche Fragen über das Konzept der Sendung aufgeworfen. Ihrer Ansicht nach sei das Format nach mittlerweile zehn Jahren an einem Punkt angekommen, an dem es seinen Zweck erfüllt habe.
Nach den Vorwürfen leitete Channel 4 eine externe Untersuchung ein. Im Zuge dessen wurden sämtliche Folgen aus dem eigenen Streamingangebot entfernt und der Touristikkonzern TUI, bis dato Sponsor der Sendung, beendete die Zusammenarbeit. „Married at First Sight UK“ lief über zehn Staffeln und gehörte zu den erfolgreichsten Formaten von Channel 4. Die Reichweiten lagen regelmäßig bei mehr als drei Millionen Zuschauern. Das bisherige Budget der Sendung solle künftig in neue TV-Produktionen investiert werden.
Die deutsche Adaption „Hochzeit auf den ersten Blick“ bleibt von diesen Entwicklungen unberührt. Allerdings fällt auf, dass die nächste Staffel auf sich warten lässt. Normalerweise strahlt Sat.1 die neuen Folgen ab Oktober aus. Nach aktuellem Stand wurde die Ausstrahlung der 13. Staffel allerdings ins erste Quartal 2027 verschoben.