Ingmar Stadelmann: „Das Grundgesetz beinhaltet die Scherzgrenze“

    „CC:N“-Anchorman über RTL-isierte Comedy und „Fressefreiheit“

    25.03.2019, 09:00 Uhr – Glenn Riedmeier

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    Ingmar Stadelmann: "Das Grundgesetz beinhaltet die Scherzgrenze" – "CC:N"-Anchorman über RTL-isierte Comedy und "Fressefreiheit" – Bild: Comedy Central/Jasmina Striga
    Ingmar Stadelmann präsentiert „CC:N – Comedy Central News“

    Seit vergangener Woche ist der „gnadenloseste Anchor der deutschen TV-Landschaft“ wieder auf Sendung. Ingmar Stadelmann präsentiert immer montags bis freitags um 20 Uhr „CC:N – Comedy Central News“. „Wir laufen jetzt um 20 Uhr, weil wir pointentechnisch knapp vor echten News sind und von der Recherche auch nicht viel schlechter“, so Stadelmann, der seit 2012 auf Deutschlands Comedybühnen steht. Direkt nach Ausstrahlung sind die aktuellen Folgen auch auf dem YouTube-Kanal von Comedy Central abrufbar.

    fernsehserien.de-Redakteur Glenn Riedmeier sprach mit dem Stand-up-Comedian ausführlich über den aktuellen Stand der deutschen Comedyszene und Humor in Zeiten von AKK und Doppelnamenwitzen. Außerdem erläutert Ingmar Stadelmann, welche Bedeutung für ihn seine Tätigkeit als Moderator der Radiosendung „LateLine“ hat und inwiefern er sich mit seinen eigenen Stand-up-Programmen weiterentwickelt hat.

    fernsehserien.de: Lieber Ingmar, vor wenigen Tagen ist die dritte Staffel von „CC:N“ bei Comedy Central gestartet. Gibt es inhaltliche Veränderungen und hättest du gedacht, dass das Format überhaupt so lange überlebt?

    Ingmar Stadelmann: Die letzten beiden Staffeln sind sehr gut angenommen worden – was ziemlich überraschend für alle Beteiligten war. (lacht) Ich habe das als Experiment gesehen und wir hatten natürlich alle große Hoffnungen, aber wir sind nicht davon ausgegangen, dass die erste neue Eigenproduktion von Comedy Central auf Anhieb so gut funktionieren würde. Daher sind wir uns treu geblieben und haben eher optimiert als revolutioniert. Wir sind jetzt in einem Modus, in dem jeder weiß, was er tut. Ich habe gute Leute um mich herum, die ich brauche, um gut zu performen – allen voran meinen Headautor Marco Müller und fünf weitere tolle Autoren.

    Gibt es bei einem eher kleinen Sender wie Comedy Central mehr kreative Freiheiten als bei großen Sendern? Hast du in der Vergangenheit negative Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht?

    Ingmar Stadelmann: Es kommt tatsächlich öfter vor als man denkt, dass Sender einem inhaltlich reinreden. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich bin ja quasi Mediennutte und habe mit fast allen Sendern schon im Bett gelegen. (lacht) Bei Comedy Central habe ich diesbezüglich nichts Problematisches erlebt, die lassen uns erst mal machen. Das ist wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass das Format – so wie wir es angegangen sind – von Anfang an funktioniert hat. Der Sender denkt sich wahrscheinlich: „Warum sollten wir da rumpfuschen, wenn die Leute wissen, was sie tun, und auch das Ergebnis in Zahlen stimmt?“ Wir haben keine gigantischen Budgets, deshalb bin ich dem Sender sehr dankbar dafür, dass er sofort erkannt hat, dass das Geld am besten in Inhalte investiert wird und nicht in einen Shiny Floor.

    Mit dem Rap „Up to Hate“ läutet Ingmar Stadelmann die dritte „CC:N“-Staffel ein:


    Eine Nachrichtensatire lebt normalerweise von der Tages- oder Wochenaktualität, „CC:N“ wird dagegen vorproduziert. Siehst du das als Nachteil?

    Ingmar Stadelmann: Wir machen eigentlich eher ein Satiremagazin als eine Nachrichtenparodie und deklinieren jeweils ein Thema pro Folge humoristisch mit einer größeren Perspektive durch – von Pressefreiheit bis Sexismus. Damit ist es uns gelungen, Sendungen zu produzieren, die länger als zwei Wochen aktuell bleiben. Man kann sich Folgen von vor zwei Jahren auch heute noch auf YouTube anschauen, ohne zu denken „Ach, das ist aber alt“, weil die Aufbereitung der Themen zeitlos ist.

    Hauptberuflich bist du inzwischen schon viele Jahre als Stand-up-Comedian tätig und aktuell mit deinem dritten Soloprogramm „Fressefreiheit“ auf Tour. Wie gehst du bei der Erstellung eines neuen Programms vor und welche Themen sind für dich relevant?

    Ingmar Stadelmann: Für mich ist alles relevant, was in meinem Kosmos stattfindet. Die Herausforderung ist dann, dies in irgendeiner Form auf die Bühne zu bringen. Ich spiele ja keine Figur und trete nicht in Verkleidung auf, sondern agiere als mein „Super-Ich“ – als Ingmar mit magischen Fähigkeiten, der keinen Widerspruch duldet. (lacht) Aus diesem Blickwinkel versuche ich, alle Themen abzuklopfen. Ich sitze allerdings nicht strategisch am Schreibtisch und überlege: „Welche Themen brauche ich jetzt noch? Mann/Frau oder muss ich eher noch was über Migranten sagen?“ Meistens fällt mir irgendetwas auf oder mir passiert etwas. Ich wollte mir zum Beispiel vor ein paar Tagen Kopfhörer kaufen und als ich den Mitarbeiter im Elektrogroßmarkt fragte, ob die Bluetooth können, hat der mir einfach stumpf und unkommentiert die englische Verpackungsbeilage vorgelesen und danach gesagt: „Nee, da is nix mit Bluetooth.“ Fertig ist die Comedy! Wenn ich das entsprechend auf die Bühne bringe, ist allen geholfen. Mein aktuelles Programm „Fressefreiheit“ trägt nicht umsonst den Untertitel „Ein Meinungsstresstest“. Ich teste, an welcher Stelle im Publikum für den einen oder anderen der Spaß aufhört. Der Lerneffekt besteht darin, dass man Klischees zur Belustigung benutzen kann, aber diese deshalb nicht zwingend immer bestätigen muss und sich deren Wirkung sogar bewusst werden kann. Mein Bühnenprogramm und die Show „CC:N“ sind ähnlich angelegt, so dass man lachen kann und danach vielleicht um ein bis zwei Prozent schlauer geworden ist.

    Ich habe den Eindruck, dass du früher mehr mit Gags provozieren wolltest und es auf „Hoho“-Lacher angelegt hast. Inzwischen kommt es mir aber so vor, dass es dir immer wichtiger geworden ist, den Zuschauern auch Messages in politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht mitzugeben. Ist dieser Eindruck richtig?

    Ingmar Stadelmann: Das hat sich natürlich mit der Zeit verändert. Als ich mit Stand-up angefangen habe, ging es mir vor allem darum, Dinge zu tun, die ich zu dem Zeitpunkt auf deutschen Bühnen hinsichtlich der Explosivität der Themen und der Ansprechhaltung noch nicht oder nur selten gesehen habe. Das waren Geschichten aus meinen Mittzwanzigern, deshalb war das alles auch ziemlich sexuell. Aber mit Anfang 30 fängt man an, sich auch mit anderen Themen zu beschäftigen – und so landet von meinem Hund bis zum IS alles in meinem Programm. Ich habe nach wie vor nicht den Anspruch, dass alle Pointen politisch korrekt sein müssen. Aber ich glaube, es ist für die Leute einfacher zu lachen, wenn sie wissen, aus welcher Richtung geschossen wird. Ich lasse mein Publikum nicht mehr im Unklaren, wie ich zu bestimmten Dingen stehe. Bei meiner ersten Tournee 2012 war Deutschland politisch noch nicht so aufgewühlt wie heute. Ob Merkel wiedergewählt wurde oder nicht, glich damals noch einem entspannten Schlammbad. Heute kreuchen allerdings zwischendurch mal Tierchen durchs Schlammbad – und die muss man dann benennen. Hui, für diese Metapher muss mich selber loben! (lacht)

    Was hat sich deiner Meinung nach gesellschaftlich verändert?

    Ingmar Stadelmann: Es ist wieder wichtig geworden, ab und zu darauf hinzuweisen, dass unsere vermeintlichen Selbstverständlichkeiten wie Meinungsfreiheit und Demokratie für 90 Prozent der Menschen auf der Erde eben nicht selbstverständlich sind. Wir müssen uns darüber bewusst werden, dass wir die Demokratie gegen Angriffe verteidigen müssen, weil sich die Demokratie nicht selbst gegen Angriffe verteidigen kann. Demokratie schützt nicht vor Faschismus, sondern wir müssen die Demokratie vor Faschismus schützen.

    Auf der nächsten Seite verrät Ingmar Stadelmann, ob es für ihn Grenzen der Satire gibt und wie er zu der Aufregung um den kontroversen Karnevalsauftritt von Annegret Kramp-Karrenbauer steht. Außerdem erklärt er, weshalb die deutsche Comedy „RTL-isiert“ ist und welchen Stellenwert seine Tätigkeit als „LateLine“-Radiomoderator für ihn hat.

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