Mütter, Väter, Kinder im Stress

    D 2020 (45 Min.)
    • Dokumentation
    Der zweifache Vater Boris S. hat den Job gewechselt, um mehr Zeit für seine Kinder zu haben. Er möchte der beste Papa sein. Das bedeutet aber auch finanzielle Einbußen. – Bild: ZDF und WDR/​bunt.schoen.laut.
    Der zweifache Vater Boris S. hat den Job gewechselt, um mehr Zeit für seine Kinder zu haben. Er möchte der beste Papa sein. Das bedeutet aber auch finanzielle Einbußen.

    Schichtdienst, Kinderbetreuung, Einkauf, Hausaufgaben, Haushalt, mit dem Hund raus – Krankenschwester Sonja fühlt sich abends wie nach einem Marathon und fällt oft todmüde ins Bett. Immer im Hamsterrad, rund um die Uhr funktionieren – der Druck auf Familien war schon vor Corona enorm, nun sind viele an ihrer Belastungsgrenze. Der Film zeigt den Alltag deutscher Familien als Spiegel unserer sich selbst optimierenden Leistungsgesellschaft. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Mütter mit Burn-uut, Schlafstörungen, Angstzuständen und chronischen Kopfschmerzen um 40 Prozent gestiegen, berichtet das Müttergenesungswerk. Doch es sind nicht nur die Mütter, die leiden: 40 Prozent der Väter fühlen sich laut einer Familienstudie der AOK zeitlich überlastet, und 82 Prozent der Kinder zeigen Stresssymptome, so eine Studie der Uni Bielefeld.
    In unserer Gesellschaft geht der Wunsch nach Selbstoptimierung und Perfektionismus bis tief in die Familien hinein. Sie spiegeln die Sehnsucht unserer Zeit danach, dass immer alles jederzeit möglich ist, so die Psychologin Birgit Langebartels. Auch Boris Anspruch an sich selbst ist sehr hoch: Der zweifache Vater will zu Hause und auf der Arbeit alles geben, „das Beste aus meinem Leben rausholen“, auch wenn das heißt, dass er in manchen Nächten nur drei oder vier Stunden schläft. Das letzte Mal mit einem Freund unterwegs war Boris vor drei Jahren, erzählt er. Er möchte gern, dass seine Kinder später von ihm sagen „dass er ein toller Papa war, der beste“. Dafür hat Boris seinen gut bezahlten Posten als Facharbeiter bei einem großen Pharmariesen gegen einen Job bei einem Mittelständler getauscht.
    Er ist jetzt nicht mehr jeden Tag drei Stunden auf der Autobahn, aber das heißt für die Familie auch: weniger Geld. Seine Frau geht deswegen wieder arbeiten. Er steht nun um vier Uhr morgens auf, um am Nachmittag wieder zu Hause zu sein – dann geht seine Frau arbeiten, und er versorgt die beiden Kleinkinder. Das ist ein täglicher Spagat. Laut Väterreport des Bundesfamilienministeriums fänden es 60 Prozent der Väter ideal, sich den Alltag partnerschaftlich zu teilen, verwirklicht wird es aber nur von 14 Prozent. Marion ist IT-Leiterin. Im Homeoffice hat sie bis zu zehn Telefonkonferenzen täglich, die Hausarbeit bleibt überwiegend an ihr hängen. Marion fährt ihre Kinder auf ihrem Lastenrad, dem „Mama-Taxi“, täglich knapp 15 Kilometer kreuz und quer durch Frankfurt.
    Ihr Mann konzentriert sich vor allem auf seine Arbeit, sie ist oft an den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Marion möchte es gern „perfekt haben“ in ihrem Leben. Sie möchte Vollzeit arbeiten, erfolgreich sein – und eine gute Mutter. Aber dadurch bleibt nur noch wenig von ihr selbst übrig. „Am meisten gelitten hat aber die Beziehung zu meinem Mann“, sagt sie. Anne Schilling vom Müttergenesungswerk begründet die starke Belastung der Frauen so: „Es hat sich einerseits viel verändert, weil das Frauenbild sich sehr weiterentwickelt hat, weil wir heute das Modell einer gleichberechtigten Frau haben. Und gleichzeitig haben sich aber die Rollenbilder nicht wirklich verändert, und vor allen Dingen hat sich das traditionelle Familienbild nicht verändert, und das heißt, dass sozusagen Müttern ganz schnell die Zuständigkeit für Familie zugeschrieben wird.
    „ Und die Kinder? Die außerschulischen Aktivitäten haben in den letzten Jahren zugenommen. Der Kinderpsychologe Professor Michael Schulte-Markwort warnt: „Der Stundenplan vieler Schüler ist heute vergleichbar mit dem eines Topmanagers.“ In seiner Hamburger Praxis behandelt er viele Kinder, die an diesem System scheitern und an Erschöpfungsdepressionen leiden. „Erschöpfung, Depressionen als letzter Ausweg sozusagen aus Überforderungssituationen, die haben sicherlich zugenommen. Das ist ein Phänomen, was wir etwa seit den letzten fünf Jahren beobachten. Und das hat etwas damit zu tun, dass Kinder immer mehr mit dem konfrontiert sind, was ich eine durchdringende Ökonomisierung nenne, oder man könnte es auch übersetzen in ein durchdringendes Leistungsprinzip.“ (Text: 3sat)

    Deutsche TV-Premiere09.11.2020Das Erste

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    Di 08.06.2021
    23:00–23:45
    23:00–
    Sa 21.11.2020
    09:15–10:00
    09:15–
    Di 10.11.2020
    04:45–05:30
    04:45–
    Mo 09.11.2020
    22:50–23:35
    22:50–

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