Niall (Jamie Bell, links) und Ruben (Richard Gadd) verbindet ein kompliziertes Verhältnis
Bild: BBC/Mam Tor Productions/Anne Binckebanck
Ausgerechnet am schönsten Tag in Nialls (Jamie Bell) Leben, seiner Hochzeit, kehrt die Vergangenheit mit Urgewalt zurück. Ruben (Richard Gadd), der für den Bräutigam einst wie ein Bruder war, taucht unerwartet auf und droht, das Fest zu sprengen. Ein freudiges Wiedersehen, das macht die sechsteilige britische Miniserie „Half Man“ sofort klar, ist das hier sicher nicht. Wenn sich die beiden Männer gleich zu Beginn in einer Scheune gegenüberstehen, Niall für die Feier hübsch herausgeputzt, Ruben mit nacktem Oberkörper, Zauselbart, Muskeln und Tattoos die pure Wildheit ausstrahlend, liegt ein Maximum an Anspannung in der Luft. Druck, der sich nur wenig später körperlich entladen wird – womit ein Grundmuster der Handlung etabliert wäre.
Die in der Gegenwart angesiedelte Hochzeitsfeier dient Serienerfinder, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Richard Gadd in seiner ersten Neuschöpfung seit dem von eigenen Erfahrungen inspirierten Netflix-Superhit „Rentierbaby“ als Rahmen, sprich: Stets nutzt er eben jenes Setting in den ersten drei für diese Kritik gesichteten Episoden als Ein- und Ausstieg. Dazwischen entspinnen sich ausgedehnte Rückblenden, in denen das Verhältnis der beiden Protagonisten, ihr Kennenlernen, ihr turbulenter gemeinsamer Weg genauer in den Blick geraten.
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Als 15-Jähriger leidet Niall (gespielt von Mitchell Robertson, der Jamie Bell nicht gerade sehr ähnlichsieht) unter den Mobbingattacken seiner Mitschüler. Eingeschossen haben sie sich auch deshalb auf den verhuschten Teenager, weil seine Mutter Lori (Neve McIntosh) mit Maura (Marianne McIvor) zusammenlebt. Im Schottland der 1980er-Jahre herrscht wenig Verständnis für eine lesbische Beziehung. Als Mauras Sohn Ruben (verkörpert von Stuart Campbell) auf Bewährung aus dem Gefängnis kommt und in ihrem Haus einzieht, ist Niall zunächst beunruhigt. Denn dem etwas älteren jungen Mann eilt ein unschöner Ruf voraus.
Ruben (Stuart Campbell, links) drängt sich in Nialls (Mitchell Robertson) Leben. HBO
Was folgt, lässt sich bis zu einem gewissen Grad erahnen: Es gibt Reibungen, der impulsive Rowdie setzt dem feinfühligen Niall zu, wird aber auch zu seinem Beschützer und holt ihn ein wenig aus seinem Schneckenhaus heraus. So oder ähnlich geschieht es in unzähligen Highschool-Filmen und -Serien, in denen zwei völlig gegensätzliche Figuren aufeinanderprallen. Die Grundkonstellation – hier der mit strähnigen, nach vorne gekämmten Haaren auf Nerd getrimmte Niall, dort der stets laute, proletenhafte und einschüchternde Ruben – fühlt sich durchaus schablonenhaft, etwas gewollt an. Und doch erwächst aus ihrer toxischen, auch mit homoerotischen Untertönen aufgeladenen Beziehung eine erstaunliche Intensität.
Spannend sind etwa Brüche mit den ersten Eindrücken. Der hypervirile Ruben, der seinem neuen „Bruder“ die Entjungferung durch eine Freundin regelrecht aufzwingt, ihm die Bullys in der Schule mit rabiaten Methoden vom Hals hält, fühlt sich offenbar verraten, als Niall in Kapitel 2 zum Studieren nach Glasgow zieht. Dass hinter Rubens ungezügelter Wut, seinen heftigen Gewaltausbrüchen ein familiäres Trauma stecken könnte, legen zudem mehrere Halbsätze nahe.
Niall wiederum trägt seinen eigenen inneren Kampf aus, bemüht sich, sein heimliches Interesse für Männer zu unterdrücken. Im Studentenwohnheim durchschaut ihn Alby (Charlie de Melo) allerdings schnell. Denn die Augen könnten schließlich nichts verbergen. Überhaupt ist „Half Man“ eine Geschichte der eindringlichen Blicke. Schon die am Anfang dieses Textes erwähnte Konfrontation zwischen Niall und Ruben in der Scheune während der Hochzeit sticht in diesem Punkt hervor. Während aus Jamie Bell die pure Verzweiflung spricht, blitzt bei Richard Gadd ein fast schon irres Flackern auf. Das Muskelpaket scheint zu allem bereit, gleicht einem wilden Tier, das jederzeit zuschnappen könnte.
Niall (Jamie Bell) erlebt bei seiner Hochzeitsfeier eine böse Überraschung. BBC/HBO
Schematische Muster in der Charakterentwicklung und den Drehbüchern werden immer wieder abgefedert durch starke Schauspielleistungen. Dank der Darsteller nehmen einen manche Passagen komplett gefangen, gehen richtig an die Nieren. Wie im Fall einer Aussage vor Gericht, bei der Mitchell Robertson all den Druck in seine Mimik und Körpersprache legt, der in diesem Augenblick auf Niall lastet. Dass einige Nebenfiguren, besonders die weiblichen, zumindest in den ersten drei Episoden, arg skizzenhaft bleiben, kann man Richard Gadd als kreativem Kopf hinter der Miniserie sicherlich vorwerfen. Das Beispiel Joanna (Kate Robson-Stuart) beweist jedoch, dass es in „Half Man“ sehr wohl Raum für Entfaltung gibt. In Kapitel 3 wandelt sich die zunächst nur als liebestolle Studentin in Erscheinung tretende junge Frau zu einer moralischen Instanz, die Niall ins Gewissen spricht, eine große Ungerechtigkeit klar benennt.
Auch wenn die langen Flashbacks Aufschluss über die komplexe, von gegenseitiger Abhängigkeit geprägte Beziehung der Protagonisten geben, uns also Stück für Stück näher an die Antwort heranführen, warum Ruben die Hochzeitsfeierlichkeiten crasht, ist es fast ein bisschen schade, dass die Gegenwartsszenen mit Jamie Bell und Richard Gadd bis zur Hälfte verhältnismäßig kurz ausfallen. Den beiden würde man liebend gerne noch etwas mehr beim Belauern zuschauen. Aber wer weiß, vielleicht bekommen wir in den finalen drei Folgen dazu häufiger Gelegenheit …
Meine Wertung: 3,5/5
Die erste Folge der Miniserie „Half Man“ wird hierzulande am Freitag, dem 24. April auf HBO Max veröffentlicht. Anschließend erscheint im wöchentlichen Rhythmus jeweils eine neue Episode.
Christopher Diekhaus, Jahrgang 1985, erlebte seine TV-Sozialisation in den 1990er-Jahren. Seine echte Liebe für den Flimmerkasten entbrannte allerdings erst gegen Ende der Schulzeit. Nach seinem Studium landete er zunächst in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Seit 2013 schreibt Christopher als Freiberufler Film- und Serienkritiken. Das Portal fernsehserien.de unterstützt er seit Ende 2019. Im Meer der Veröffentlichungen die Perlen zu entdecken – diese Aussicht spornt ihn immer wieder an. Insgeheim hofft er, irgendwann eines seiner in der Schublade liegenden Drehbücher zu verkaufen. Bis er den Oscar in Händen hält, sichtet und rezensiert er aber weiter fleißig die neuesten Serien.