• In den frühen Konzentrationslagern hat das noch junge NS-Regime den Widerstand ihrer politischen Gegner mit Folter und Mord brutal gebrochen. – Bild: Radio Bremen /​ BlindCat Documentary
      In den frühen Konzentrationslagern hat das noch junge NS-Regime den Widerstand ihrer politischen Gegner mit Folter und Mord brutal gebrochen.
      Anfang 1933: Die frisch an die Macht gekommenen Nationalsozialisten überziehen Deutschland fast unmittelbar mit einer beispiellosen Terrorwelle. Politische Gegner verschwinden ohne Prozess, auf unbestimmte Zeit, in Folterkellern, die schnell zu einer frühen Form von Konzentrationslagern werden. Die Radio-Bremen-Dokumentation zeigt, wie Tausende solcher Terrorzentralen entstehen im ganzen Reich, oft mitten in Wohnquartieren, vor aller Augen. Die Schreie der Gefolterten wehen zu den Wohnungen der Anwohner hinüber.

      Am 5. Juli 1933 holten ein SA-Mann und ein Polizist den Einzelwarenhändler Albert Ortheiler aus seinem Geschäft in der Bochumer Innenstadt. Angeblich hatte er Waren an Kommunisten verkauft. Im Keller der Hegelschule schlugen SA-Männer Albert Ortheiler tot. Sechs Menschen sind allein in diesem Bochumer Keller ermordet worden.

      In Bremen gerieten die vier Söhne der Familie Bücking ins Visier, weil sie politische Gegner der Nazis waren. Drei der Söhne gerieten in die erste Terrorwelle der Nationalsozialisten und verschwanden in Folterkellern und frühen KZ, einer der Bücking-Söhne wurde nach Berlin verschleppt, wo sich schon früh über hundert Folterkeller etabliert hatten.

      „Das war auch Teil der damaligen Strategie und Taktik, dass der frühe nationalsozialistische Terror vor allen Augen stattfinden sollte“, sagt die Historikerin Irene von Götz. Sie hat die Berliner Folterkeller akribisch recherchiert. Auch in Sachsen ist die Geschichte des frühen Naziterrors gut erforscht, allein in diesem Bundesland gab es 112 Folterkeller und frühe KZ.

      Eines davon: Die Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. Zwischen März 1933 und August 1934 wurden 5.600 Menschen dorthin verschleppt und gefoltert, etwa 40 von ihnen begingen Selbstmord oder wurden ermordet.

      Und doch gab es Widerstand gegen die Misshandlungen, wenn auch nur von wenigen. Ausgerechnet Polizisten, Juristen und Gefängniswärter widersetzten sich in dieser Phase frühen Terrors den brutalen Maßnahmen und konnten sogar kleine Erfolge erzielen, auch wenn sie letztendlich am System nichts ändern konnten.

      Die Erinnerung an diese frühen Lager wurde überdeckt von den Verbrechen in den riesigen Vernichtungslagern im Osten. Doch will man wissen, wie der Rechtstaat ausgehebelt wurde, muss die Geschichte der frühen Lager in den Fokus rücken. Auch wegen der zahlreichen Opfer, die in den Lagern ihr Leben ließen oder physisch und psychisch gebrochen wurden.

      Albert Ortheiler war der erste jüdische Bürger Bochums, der von den neuen Machthabern ermordet wurde. Doch noch geriet er nicht als Jude in die Mühle der Vernichtung, sondern als vermeintlicher Gegner des Nationalsozialismus. Die frühen Lager waren Lager der politischen Rache, ihre Zeit ging bis etwa 1935/​36. Bis dahin war der Widerstand gegen die Nazis weitgehend gebrochen und der Terror suchte sich neue Opfer. (Text: ARD)
      Deutsche ErstausstrahlungMo 24.01.2022Das Erste
    • Wer sich heute demonstrativ rechts verortet, stellt die Werte einer offenen und liberalen Gesellschaft in Frage. Der Film von Autor und Regisseur Falko Korth hinterfragt Geschichte und Gegenwart der sogenannten „Neuen Rechten“: Woher sie kommen, was sie denken und wohin sie wollen. Woher kommen die Ideen der sogenannten „Neuen Rechten“? Auf wen berufen sich ihre Akteure? Was sind ihre Thesen? Die Dokumentation von Autor und Regisseur Falko Korth zeichnet die Kontinuität völkisch-nationalistischer Denktraditionen in Deutschland und Frankreich nach und zeigt, dass die heutigen „neuen“ Rechten nicht aus dem Nichts heraus entstanden sind. Wichtiger Bezugspunkt sind die Schriften Armin Mohlers, der in den Nachkriegsjahren der Bundesrepublik mit seinem Werk zur „Konservativen Revolution“ zum meinungsstarken Vertreter rechtskonservativer Kreise aufstieg. Der radikale Ernst Jünger und mit ihm Männer wie der Jurist Carl Schmitt und der Philosoph Oswald Spengler sind heute dank Mohler Säulenheilige der „Neuen Rechten“. Armin Mohlers Ideen beeinflussen auch die französischen Nouvelle Droite um Alain de Benoist. Er gründet 1968 mit Gleichgesinnten GRECE, eine neofaschistische Denkfabrik. Das Ziel: die „Kulturrevolution von rechts“. Die „Neuen Rechten“ geben sich modern und intellektuell, doch hinter der Fassade stecken altbekannte antidemokratische bzw. rassistische Denkmuster. (Text: ARD)
      Deutsche ErstausstrahlungMo 31.01.2022Das Erste
    • Marie-José wird im Dezember 1946 im pfälzischen Herxheim als Tochter einer deutschen Mutter und eines französischen Besatzungssoldaten geboren. 17 Monate später beginnt ihr neues Leben als Adoptivkind in Frankreich.
      In der französischen Besatzungszone kommen nach 1945 Tausende Kinder mit deutsch-französischen Eltern zur Welt, von denen viele bis 1951 nach Frankreich gebracht und dort adoptiert werden: ein Projekt, um die demografische Entwicklung Frankreichs wieder anzukurbeln. Viele der Adoptivkinder wissen bis heute wenig über ihre Wurzeln. Am Beispiel von zwei Betroffenen, die ihren Lebensweg zu rekonstruieren versuchen, deckt der Film den historischen Skandal auf. Nach 1945 kommen in allen Besatzungszonen Deutschlands Kinder zur Welt. Briten, Amerikaner und Russen betrachten diese als Privatsache der Deutschen. Die Franzosen dagegen sehen in den Kindern deutscher Mütter und französischer Soldaten die Chance, Frankreichs niedrige Bevölkerungszahl wieder anzukurbeln. Auf höchster Ebene wird ein grenzübergreifendes Adoptionsprogramm aufgelegt. „Recherche-Offiziere“ suchen die Wöchnerinnen auf und drängen sie zur Abgabe der Kinder. Viele Frauen willigen ein. Sie befinden sich meist in einer prekären Lage, oftmals von der Familie verstoßen, ohne Einkommen. Die Kinder werden in Heimen aufgepäppelt, bevor sie nach Frankreich gebracht und ihren Adoptiveltern übergeben werden. Fast alle Hinweise auf ihre deutsche Herkunft werden bewusst getilgt. Mit der Gründung der Bundesrepublik fürchtet Frankreich den außenpolitischen Schaden und fordert Anfang der 1950er-Jahre alle Akten aus den deutschen Ämtern an. Ein Grund mehr, warum es für die Betroffenen bis heute so schwer ist, ihre ersten Lebensjahre in Deutschland zu rekonstruieren. Der Film begleitet zwei von ihnen und deckt dabei den historischen Skandal auf. (Text: ARD)
      Deutsche ErstausstrahlungMo 07.02.2022Das Erste
    • Die Synagoge von Tschortkiw/​Ukraine.
      Ein Kriegsziel der Nazis waren die reichen Kornkammern der Ukraine. Ausgerechnet dort stießen die Nazis auf Millionen osteuropäische Juden, die in kleinen Städtchen, den Schtetln, oft ein sehr traditionelles, religiöses Leben führten. Noch bevor das systematische Morden in den großen Vernichtungslagern wie Auschwitz begann, ermordeten Sonderkommandos der Nazis in diesem „Holocaust durch Kugeln“ rund zwei Millionen Menschen, schätzt man heute. Die Radio-Bremen-Dokumentation „Osteuropa nach dem Holocaust – vom Verschwinden der Schtetl“ reist zu den letzten noch existierenden Schauplätzen einer ehemals reichen jüdischen Kultur, aber auch eines monströsen Verbrechens.

      Rivka Yoselevska gehört zu denen, die erschossen wurden, aber sie konnte sich aus der Grube befreien und als eine der wenigen Überlebenden vom Massenmord berichten, der vieltausendfach in Osteuropa stattgefunden hat. „Dann wurde ich erschossen,“ erzählt sie in einem Interview von 1981. „Ich fiel in die Grube, immer mehr Körper fielen auf mich. Ich hatte das Gefühl, ich ertrinke. Ertrinke im Blut der eigenen Leute.“ 95 % der Juden Galiziens, heute gelegen in Südpolen und der Westukraine, wurden so in Gruben „geschossen“. Zurück blieben blutdurchtränkte Erde, tausende Massengräber und verwaiste Schtetl. Hunderte Synagogen und Friedhöfe fielen der Vernichtungswut der Deutschen zum Opfer, doch vieles blieb auch einfach stehen.

      „Die Menschen (…) leben buchstäblich auf diesem Blut, das dort vergossen ist und leben auch oft mit dem Wissen, dass ihre Eltern oder Großeltern da mitgemacht haben. Dass sie womöglich in einem jüdischen Haus wohnen, dass sie womöglich jüdische Möbel haben, einen jüdischen Tisch oder eine jüdische Decke“, sagt Magdalena Waligórska, Expertin für osteuropäische Geschichte.

      Christian Herrmann, Autor aus Köln, bereist schon seit Jahren die jüdischen Schtetl in Osteuropa und fotografiert, was von ihnen übrigblieb. In den Synagogen befinden sich heute Turnhallen, Kinos oder eine Schnapsfabrik. Fanden die Häuser keine Nachnutzung, fielen sie in sich zusammen und wurden oft abgerissen. Heute ist vom ehemals blühenden jüdischen Leben in Osteuropa fast nichts mehr übrig. Gibt es noch Rabbiner, kommen sie oft aus Israel oder den USA, sie haben Mühe, mehr als die zehn Männer, die dafür nötig sind, zu einem Gottesdienst zusammen zu bekommen.

      Dennoch gibt es viele Menschen in Osteuropa, die sich um den Erhalt des jüdischen Erbes bemühen. So versucht zum Beispiel Sasha Nazar, die Jakob Glanzer Schul zu retten, eine der letzten Synagogen im ehemaligen Lemberg, heute dem ukrainischen Lwiw.

      Viele Massengräber sind bis heute unbekannt und das Erbe der Schtetl ist massiv bedroht. In ein paar Jahren werden weitere Synagogen und historische Häuser der jüdischen Bevölkerung verschwunden sein. (Text: ARD)
      Deutsche ErstausstrahlungMo 14.02.2022Das ErsteDeutsche Online-PremiereDi 01.02.2022ARD Mediathek
    • Michael Conrad (rechts) hat ‚Jugendtourist‘ gemacht, das DDR-Pendant zu Interrail
      Am 1. März 2022 feiert eine Erfindung ihren 50. Geburtstag, die Eltern schlaflose Nächte bescherte und ihren Kindern das Tor nach Europa in eine unbekannte Welt öffnete: das Interrail-Ticket. Einen Monat lang mit dem Zug durch 21 Länder fahren können – egal wohin, egal wie weit! Für die allermeisten ein Gefühl von Freiheit, Abenteuer und ein Hauch von Völkerverständigung.

      Bernd Baumhold aus Bochum war gleich im ersten Jahr dabei. „Wir waren Hippies“, sagt sein Freund Vasilios Liolios. „Aber in Griechenland hießen wir nur die Yeahyeahis, nach dem berühmten Beatles-Album von 1964, „Yeah! Yeah! Yeah! – A Hard Day’s Night.“ Am Ende ihrer Interrail-Reise wird Vasilios von griechischen Militärs verhaftet, denn 1972 war Griechenland noch Diktatur und der junge Deutsch-Grieche sollte seinen Militärdienst im Süden leisten. Sein Ende einer abenteuerlichen Zugreise.

      Michael Achilles aus Ludwigsburg zog erst zwei Jahrzehnte später los. Da sind er und seine Freunde gerade mal 15 Jahre alt. Diktaturen gab es in Südeuropa zwar nicht mehr, aber sehr dunkle Nächte am Strand, Taschendiebe, den ersten Joint, die erste Freundin. Geblieben ist für ihn bis heute „dieses Gefühl von Freiheit, wenn ich das Geräusch von Bahnschienen höre, dieses Tamtam-Tamtam.“

      Das DDR-Pendant zu Interrail hieß Jugendtourist. Es war von der FDJ organisiert und nicht halb so wild. Aber auch da gab es einen „Schnellkurs im Erwachsenwerden“, wie es Robert Conrad im Rückblick nennt. Nur durch Zufall kam der Fotograf 1985 mit seinem Freund Thomas Frick zum begehrten Jugendtourist-Programm. Eigentlich war die Reise eine Belohnung für Fricks Freundin gewesen, die Stasi-Spitzel war. Doch die wurde krank und so durfte Conrad nachrücken – der Beginn eines wilden Abenteuers in der Sowjetunion.

      Für seine Dokumentation „Interrail“ trifft Autor Hauke Wendler Interrailer, die heute oft graue Haare haben und ein durchaus geordnetes Leben führen. Gemeinsam mit ihnen begibt sich er sich auf eine spannende und sehr unterhaltsame Reise. Es geht um wochenlanges Leben aus dem Rucksack, Tütensuppen und Schlafplätze auf Bahnhöfen, im Gang des Nachtzuges oder an Feldhecken. Manch Nacht endete abrupt und mit einem trockenen Satz: „Verschwindet aus meinem Garten.“ Für sie alle jedoch bleibt die Interrailzeit vor allem eins: „Die beste Reise meines Lebens!“ So sieht es auch Jeannette Eikenberg bis heute. 1992 zog sie mit ihrer Schwester los, kurz nach der Wende. Zuvor versuchte Ihre Mutter sie mit Bestechungsversuchen – einer Reise nach Amerika – davon abzuhalten. Vergeblich. (Text: ARD)
      Deutsche ErstausstrahlungMo 21.02.2022Das Erste

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