Deutsche Erstausstrahlung: 01.04.2005 WDR

    7. März 1945. In Aachen ist die Nazizeit schon Vergangenheit, hat schon 5 Monate zuvor die amerikanische Besatzung begonnen, als US-Truppen das Zentrum Kölns erobern und zur Brücke von Remagen vorstoßen. Doch am gleichen Tag – 100 Kilometer nördlich – beginnt die Dortmunder Gestapo mit Massenhinrichtungen von Zwangsarbeitern. Parallele Welten, wie sie in den letzten Wochen und Monaten des Krieges überall in dem Gebiet zu finden sind, aus denen später Nordrhein-Westfalen hervorgehen wird.

    In Essen werden noch nationalsozialistische Durchhalteparolen an die Litfasssäulen plakatiert, als in Aachen schon die Umerziehung der Deutschen zu Demokraten beginnt. Dortmund erlebt Anfang März den schwersten Luftangriff des ganzen Krieges, während in den amerikanisch besetzten Gebieten viele befreite polnische Zwangsarbeiter Bauernhöfe plündern und Rache üben für jahrelange Misshandlung. Im Ruhrgebiet werden in diesen Tagen noch Jugendliche und alte Männer für den Volkssturm rekrutiert, während in Neuss bereits US-Soldaten Kaugummi, Apfelsinen und Schokolade an die staunenden Kinder verteilen. Und in Lüdenscheid werden entlaufene Soldaten, den Frieden schon in Sichtweite, noch als Deserteure erhängt und auf dem Marktplatz zur Schau gestellt.

    Überall sind entwurzelte Menschen unterwegs, stranden auf den Bahnhöfen, hoffen, davon zu kommen oder sind auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf: Zivilisten und Soldaten, Ausgebombte und Kriegsgefangene, Untergetauchte und Flüchtlinge, Frauen. Männer, Kinder.

    Anfang April ist das Ruhrgebiet von den Alliierten komplett eingekesselt. Mitten drin noch 325.000 deutsche Soldaten der Heeresgruppe B, eingeschlossen. Außerdem 5 Millionen Zivilisten und zahllose Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. In diesen Wochen erlebt die Bevölkerung an Rhein, Ruhr und Weser noch schwerste Bombenangriffe, Essen, Dortmund, Hagen, Münster, Bielefeld, Paderborn und viele andere Städte werden zerstört. Erst als am 17. April 1945 in Düsseldorf die letzten deutsche Truppen kapitulieren, hat für die Menschen des späteren Nordrhein-Westfalens die Nachkriegszeit begonnen.

    Der Westdeutsche Rundfunk hat für seine Dokumentation „Kriegsende an Rhein, Ruhr und Weser“ Zeitzeugen gesucht, die den Nachgeborenen die eigene Erinnerung öffnen. Hunderte haben aus ganz Nordrhein-Westfalen haben geschrieben und von dieser chaotischen Zeit zwischen Krieg und Frieden berichtet.

    Viele schilderten das damals vorherrschenden Gefühl, beständig nahe am Abgrund zu laufen: Da saßen Männer, Frauen und Kinder im Bunker, draußen schon die Kanadischen Truppen, und wussten nicht: Sollen wir die weiße Fahne raushängen? Dann werden wir von den eigenen Leuten erschossen. Ergeben wir uns nicht, werden wir vielleicht von den Kanadiern an die Wand gestellt. Soldaten fälschten ihre Urlaubsscheine: Bloß nicht noch im letzten Moment eine Kugel abbekommen. Wer erwischt wurde, galt als Deserteur und wurde erschossen. Jeder Schritt konnte in diesen letzten Tagen der falsche sein, aber auch die Rettung bringen. Und überall an Rhein, Ruhr und Weser hofften tausende von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen darauf, endlich wieder nach Hause zu ihren Familien zu dürfen – nach Russland, Polen, Frankreich, in die Ukraine.

    Mit Hilfe vieler Zeitzeugen und von Archivbildern aus der Region zeichnet die Dokumentationsreihe des WDR ein Bild von dem Kriegsende, wie es die Menschen an Rhein, Ruhr und Weser wirklich erlebt haben. Eine bewegende Chronik der letzten Wochen zwischen Krieg und Frieden. (Text: WDR)

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